Gedanken zum Karfreitag
Von Dekan Richard Distler
In der Liturgie des Karfreitags steht das Leiden Christi, das Kreuz und die Kreuzverehrung im Mittelpunkt. Aber wie kann man denn ein Kreuz verehren? Das Kreuz und die Kreuzigung war aus der Sicht der Römer- und sie ist es manchmal auch heute noch - ein Zeichen der Schmach und der Schande. Für das damalige Judentum war es sogar ein Zeichen des Fluches."Verflucht sei,
wer am Pfahl (Kreuz) hängt", so heißt es schon im Alten Testament. Was also
bewegt die Kirche, am Karfreitag und auch sonst das Jahr über das Kreuz zu verehren ?
Wer die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach genauer betrachtet, der
muß feststellen: Bach hat es bei aller Dramatik des Karfreitags gewagt, das ganze
Geschehen in eine verklärte und verklärende Schönheit einzutauchen. Seine Passion spricht zwar nicht von der Auferstehung, sie endet mit dem Begräbnis Jesu.
Aber in ihrer Kraft, in ihrer Schönheit und Würde lebt diese Passion bereits von
der Gewißheit des Ostertags und von der christlichen Auferstehungshoffnung, die
auch in der Nacht des Todes nicht erlischt. So sieht die Kirche das ganze Leidensgeschehen Christi am Kreuz bereits von der Auferstehung her. Deshalb
feiert sie am Karfreitag die Passion Christi. Mehr noch: Sie wagt es sogar, das
Kreuz zu verehren, weil Christus "durch sein heiliges Kreuz die Welt erlöst hat".
"Aber ist nicht dem modernen Menschen die Gelassenheit und Gewißheit des Glaubens merkwürdig fremd geworden?" So frägt Kardinal Joseph Ratzinger in
einer seiner Karfreitagsbetrachtungen. Er verweist dabei auf die moderne Passion
des polnischen Komponisten Christoph Penderecki. Statt der ergriffenen Passionsmystik bei J.S.Bach hört man in dieser modernen Passion die Schreie der
Häftlinge von Auschwitz, die brutalen Kommandos der Herren der Hölle, die
Peitschenhiebe der Aufseher und das hoffnungslose Stöhnen der Sterbenden.
Dies ist der Karfreitag des 20. Jahrhunderts. Er setzt sich fort im 21. Jahrhundert
im Leiden der Armen in den Elendsvierteln, in den Schrecken des Krieges im Irak
und in der Not derer, die vor Hunger umkommen oder wegen ihrer religiösen oder
politischen Überzeugung verfolgt werden. Der Karfreitag setzt sich fort im Sterben der abgetriebenen Kinder oder in der Vernichtung menschlicher Embryonen
zu angeblichen Heil- und Forschungszwecken. Von überall her blickt uns "das Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn" an. Darf man denn
diese harte Wirklichkeit religiös verklären? Absolut nicht. Im Gegenteil:
Gerade in der Liturgie des Karfreitags nimmt die Kirche in den "Großen
Fürbitten" solche Leiden hinein in einen Hilfeschrei an Gott,den Vater. Sie nimmt die Verlassenheit der Leidenden heute mitten hinein in die Verlassenheit Jesu am Kreuz. Die Kirche verwandelt damit ihren Notschrei in das Gebet an den dennoch nahen Gott. Aber vielleicht kann man hier dagegenhalten:Darf man denn mit den Lippen beten, wenn man nichts gegen die Not in der Welt tut ? Tatsächlich
können wir nur dann richtig Karfreitag feiern und das Kreuz Christi verehren,
wenn wir selber den Leidenden bei uns und in den Südlichen Ländern zur Seite
stehen. Erst vor kurzem haben die Christen wieder deutliche Zeichen gesetzt in
der Misereor-Fastenaktion der deutschen Katholiken und in der evangelischen
Aktion "Brot für die Welt".
Der Karfreitag und die Passion Christi ist eine Herausforderung für jeden Gläubigen, aber auch für Nichtgläubige. Denn Leid, Ungerechtigkeit, Not und Elend verbindet. Das geht jeden Menschen an, der guten Willens ist. So ist der Ruf des Priesters in der Karfreitagsliturgie:"Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt", eine Einladung an jeden, die Augen, die Herzen und die Hände zu öffnen, Leid zu lindern und zu beseitigen.
Der Karfreitag lädt jeden ein, den eigenen Egoismus, die Habgier und die Lieblosigkeit aufzugeben und - wie es am Schluß der Johannespassion heißt -"auf den zu schauen, den sie durchbohrt haben".
20.03.08
Neumarkt: Gedanken zum Karfreitag