Die letzte Audienz


Der "Kaiser" gibt seine letzte Audienz
Foto: obx-news
NEUMARKT. Seit dem 19. Jahrhundert gelten die Dietfurter als die "Chinesen Bayerns". Am Unsinnigen Donnerstag in der nächsten Woche erleben die Besucher , warum das so ist. Noch offen ist, wer zukünftig den einzigen Kaiser-Thron im Freistaat besteigt.

364 Tage im Jahr regiert in der 6.000-Einwohner-Stadt Dietfurt die Beschaulichkeit. Dann erfreuen sich die Touristen am siebenstimmigen Glockengeläut der Stadtpfarrkirche St. Ägidius, bestaunen die barocke Wallfahrtskirche und das Franziskanerkloster. Einmal im Jahr jedoch - stets von langer Hand geplant - versetzt eine "Revolution" das oberpfälzische Kleinod in Ausnahmezustand: Dann wird aus dem Erholungsort im Altmühltal für einen Tag ein Teil des mehr als zehn Flugstunden entfernten Reichs der Mitte.


Immer am letzten Donnerstag in der Faschingszeit verwandelt sich die Stadt in "Bayerns Chinatown". Tausende Besucher aus ganz Deutschland werden sich auch in diesem Jahr am 12. Februar die chinesische Invasion ins bayerische Kernland nicht entgehen lassen. Das Jahr 2015 wird als Zeitenwende in die Geschichte des "Chinesenfaschings" eingehen: Kaiser Ko-Houang-Di hat angekündigt, nach 15 Jahren abzudanken. Einen Nachfolger gibt es offiziell noch nicht.

Vom Rathaussessel bis zur Müllabfuhr, vom Restaurant bis zum Supermarkt - alles ist fest in chinesischer Hand. Dietfurts Bürger, ob groß, ob klein, schlüpfen in chinesische Tracht, stecken sich China-Zöpfe ins Haar und die Drogerie mit der gelben Hautschminke hat Hochkonjunktur.

Eine Anekdote erzählt den Ursprung des verrückten Treibens, das den Dietfurtern den Titel "Bayerische Chinesen" einbrachte. Demnach soll irgendwann in der Stadtgeschichte der Steuereintreiber des Bischofs in das Städtchen gereist sein, um höhere Abgaben einzutreiben. Die Nachricht vom Besuch gelangte aber vor dem Steuereintreiber in die Stadt. Die Bürger verbarrikadierten die Tore und der Gesandte des Bischofs musste ohne Geld abziehen. Seinem Bischof erzählte er dann: Die verstecken sich hinter ihrer Mauer wie die Chinesen.

Ob die Erzählung stimmt, weiß auch in Dietfurt keiner so genau. Verbürgt ist aber ein Kalender von 1860 und eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Jahr 1869, wo bereits damals die Dietfurter als Chinesen bezeichnet wurden und von einem Chinesen-Viertel die Rede ist. Der Grundstein für die Faschingstradition wurde aber erst 1928 gelegt, als die Stadtkapelle erstmals in China-Gewändern auftrat.

Schnell hat der Ruf vom Chinesenfasching weite Kreise gezogen - quer durch Bayern und ganz Deutschland. "Diplomatische Abordnungen" von Faschingshochburgen aus der ganzen Republik werden an der Proklamation des Kaisers Ko-Houang-Di teilnehmen und anschließend begleitet vom vielstimmigen "Kiliwau" in den Straßen der Stadt feiern.

Gesprächsthema bei den Besuchern dürfte in der nächsten Woche vor allem eine Frage sein: Wer wird als nächster den "chinesischen Thron" in Dietfurt besteigen? Kaiser Ko-Houang-Di, der im richtigen Leben Fritz Koller heißt und 61 Jahre alt ist, hat angekündigt, nach 15 Jahren Regentschaft sein Zepter niederzulegen. Pia Pritschet, die Chefin der örtlichen Touristen-Information und Managerin der Chinesenfaschings, sagt: Die Suche eines Nachfolgers soll erst nach Aschermittwoch starten.

Die gemeinsame Reise der Dietfurter ins ferne China beginnt am "Unsinnigen Donnerstag" sehr früh: Bereits in den Morgenstunden zieht eine 30köpfigen Meute mit viel "Lärm und Geschepper" kreuz und quer durch die Stadt. Auf ihrem Zug verkünden sie mit einem schallenden Weckruf den Beginn des "chinesischen Nationalfeiertags" in der oberpfälzischen Kleinstadt.

Mit etwa 15.000 Menschen rechnen die Organisatoren, wenn ab 13 Uhr auf der Bühne direkt auf dem Stadtplatz Akteure und Besucher dem Höhepunkt entgegen fiebern: dem legendären chinesischen Maskenzug, bei dem in diesem Jahr pünktlich um "13.61 Uhr" etwa 50 Gruppen und viele leibhaftige Chinesen bei Kaiser Ko-Houang-Dis "letzter Audienz" für kurze Zeit "Chinatown" im Herzen Bayerns lebendig werden lassen.
obx
03.02.15
Neumarkt: Die letzte Audienz
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