Zum Buß- und Bettag

In Bayern hängen dieses Jahr Plakate zum Buß- und Bettag, die einen Mann zeigen, der sein Spiegelbild betrachtet: Wer bin ich eigentlich? Erkenne, wer du bist! Erkenne dich selbst! Letzteres empfahl schon der griechische Philosoph Sokrates. Wenn ich mir die Frage stelle, wer ich bin, dann verlangt das Ehrlichkeit: Mach dir nichts vor! Leugne nicht deine Wünsche, deine Träume und deine Schwächen! Sei ehrlich zu dir selbst!

"Ehrlich": so lautet der Titel der diesjährigen Kampagne der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zum Buß- und Bettag. Beim Thema "Ehrlichkeit" fallen einem leicht zwei gegensätzliche Sätze ein: das Sprichwort "Ehrlich währt am längsten" und Ulrich Wickerts Buchtitel "Der Ehrliche ist der Dumme". Zwei Pole zwischen denen sich Ehrlichkeit bewegt in der Wahrnehmung und Wertung der Menschen.

Aber bin ich wirklich der Dumme, wenn ich versuche, mit mir ehrlich zu sein? Wenn ich mir nie den Spiegel vorhalte, dann werde ich nach langem Selbstbetrug nicht der wirklich Glückliche sein. Halte ich mir nur allein den Spiegel vor, dann sehe ich aber oft nur das, was mir gefällt; die nicht so hübschen Seiten meines Lebens schaue ich mir gar nicht so gerne an. In den Gottesdiensten zum Buß- und Bettag werden unter anderem die zehn Gebote vorgelesen, die Spiegeltexte sind. Sie decken auf, wo wir versagt haben und weisen uns gleichzeitig auf den Einen hin, der uns nicht in den Abgründen der Verzweiflung lassen will. Es braucht einen Anstoß, einen Spiegel von außen in meinem Leben, um wirklich ehrlich mit mir sein zu können.

Ein solcher Anstoß von außen will der Buß- und Bettag sein. Ein Tag, an dem wir ehrlich in den Spiegel schauen und dem standhalten, was wir da sehen: einen sündigen Menschen. Neben den zehn Geboten bedenken wir auch Jesu Vorgaben und bekennen, dass wir seine Spielregeln nicht eingehalten haben: dass wir das Gebot der Nächstenliebe nicht beachtet haben, dass wir gierig und unersättlich waren, ungnädig und hart. Aber heilsam ist der Blick in den Spiegel der göttlichen Gebote allemal. Wenn wir erkennen, was sündig ist an uns, wenn wir bereuen und Vergebung erbitten, dann bekommen wir sie geschenkt und können neue Wege beschreiten.

Wir tun gut daran, eine bußfertige Kirche zu sein, weil wir immer wieder Umkehr nötig haben: darum geht es in der Buße. Schon in der alten Kirche gab es solche Bußtage. In der Reformationszeit wurden protestantische Buß- und Bettag oft von der Obrigkeit eingeführt, weil im Gemeinwesen etwas im Argen lag. Das weist auch heute hin auf die zweite wichtige Stoßrichtung des Buß- und Bettages: hinzuweisen auf die öffentlichen Sünden in unserer Zeit und Gesellschaft.

Der Buß- und Bettag bietet eben auch die Gelegenheit, den Blick auf die eigene Schuld mit der nüchternen Betrachtung unserer Gesellschaft zu verbinden: Wie verhält es sich mit der Ehrlichkeit in Politik und Wirtschaft, an den Finanzmärkten oder in den Medien? Schauen wir da zurück auf das letzte Jahr, machen wir uns besorgte Gedanken. Die Bilanz fällt hier – gerade mit Blick auf das zurückliegende Jahr – eher schlecht aus. Und doch geht es nicht nur um die Manager und Politiker. Es geht auch da um uns, ob wir wirklich wissen wollen, wie es in unserem Land um unsere wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Lage bestellt ist. Können wir "selbstgerecht" die anderen verurteilen oder sind wir nicht in vielem Nutznießer von ungerechten Strukturen. Ermöglichen wir es anderen auch, denen, die viel Verantwortung tragen, nach einem Vertrauensverlust das Vertrauen wieder herzustellen? Ermöglichen wir ihnen, was wir uns für uns wünschen?

Seit seiner Abschaffung erlebt der Buß- und Bettag eine Renaissance. An vielen Orten lebt er, und mehr als vorher. Vielleicht hat uns die Abschaffung des staatlichen Feiertags ermöglicht, dass die Kirche seine Bedeutung wieder erkannt hat. Die Abschaffung hat uns dazu geführt, selbst dafür zu sorgen, dass er bedeutsam bleibt. Doch letztlich bleibt auch klar, dass es mit dem Buß- und Bettag allein nicht getan ist. In der ersten der 95 Thesen schrieb Martin Luther: "Das ganze Leben des Gläubigen soll Buße sein." Jeder Tag hat die Chance nötig, bei Gott und seinen Mitmenschen das Vertrauen wiederzufinden.

Ihr Pfarrer Jens Hans
18.11.08
Neumarkt: Zum Buß- und Bettag
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