Pädokriminelle geschnappt

NEUMARKT. Beim bisher größten Schlag der Polizei gegen Pädokriminelle wurde gegen 987 Internetnutzer - davon sechs aus der Oberpfalz - ermittelt.

Im Landkreis Neumarkt wurden die Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamtes nur in einem Fall - im Großraum Hohenfels - fündig, wie ein Sprecher der Behörde am Freitag auf Anfrage von neumarktonline bestätigte. Zudem gibt es einen Verdächtigen hart an der Landkreis-Grenze bei Lauterhofen - jedoch "auf mittelfränkischer Seite".

Seit Juni 2006 ermittelt die Netzwerkfahndung des LKA länderübergreifend in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Konstanz gegen 987 Internetnutzer in Deutschland. Die Fahndungstätigkeiten, die weltweit als "Operation Smasher" liefen, wurden in der Bundesrepublik vor kurzem weitestgehend abgeschlossen, teilte die Behörde am Freitag mit.

"Konsequentes Vorgehen gegen Kriminelle im Internet ist eine große Herausforderung für eine moderne Polizeibehörde. Wir stellen uns dieser Aufgabe und werden den Kampf gegen Kinderpornografie weiter fortführen", so Peter Dathe, Präsident des Bayerischen Landeskriminalamtes.

Ausgangspunkt der Ermittlungen war die Information eines italienischen Kinderschutzportals beim LKA. Im Zuge von Recherchen stellten die Fahnder bei einem Internetdienst im Bereich der Staatsanwaltschaft Konstanz, der kostenlos Festplattenspeicherplatz anbietet, zwei Videodateien fest, die jeweils den massiven sexuellen Missbrauch eines Mädchen zeigten.

Dabei waren in einem Fall die Hände des etwa zehnjährigen Kindes mit Klebeband an die Unterschenkel gefesselt. Zusätzlich befanden sich noch weitere Personen im Bett, die das Geschehen betrachteten und fotografierten. Auf dem zweiten Video war zu sehen, wie ein etwa zwölfjähriges Mädchen offensichtlich von einem unbekannten Gesprächspartner aufgefordert wurde, an sich selbst sexuelle Handlungen vorzunehmen.

Die Dateien dieses Internetdienstes konnten von jedem Benutzer weltweit abgerufen werden, der den individuellen Link kannte. Eine Recherchemöglichkeit bieten derartige Anbieter jedoch nicht, so dass einzelne Dateien nicht gezielt gesucht werden konnten. Die hier betroffenen Internetadressen wurden aber in diesem Falle in einem einschlägigen Internetforum, in dem sich Pädokriminelle aufhalten, verbreitet.

Unmittelbar nach der Kontaktaufnahme mit den Verantwortlichen der Plattform, die bis zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis über diese Inhalte hatten, wurden die betreffenden Dateien vom System entfernt und die Protokolldaten sichergestellt. Dabei mussten die Fahnder feststellen, dass innerhalb eines Monates mehr als 48.000 Zugriffe von Internetnutzern auf diese Inhalte erfolgt waren. Die erfahrenen Kriminalbeamten nanntebn diese Zahl im Vergleich mit anderen Großverfahren "erschreckend hoch".

Bereits wenige Stunden nach der Aufnahme der Ermittlungen des Bayerischen Landeskriminalamtes wurden dem Bundeskriminalamt mehr als 41.000 Verbindungsdaten zur Weiterleitung in das Ausland zugesandt. Davon waren 98 Staaten weltweit betroffen. Aus verschiedenen Ländern liegen auch hier mittlerweile Rückmeldungen vor. So konnten zum Beispiel in Polen 65, in Australien 38, in der Türkei 53 und in Österreich 80 Tatverdächtige ermittelt oder festgenommen werden.

Da die Provider zur Tatzeit noch keine Speicherungspflicht der Verbindungsdaten hatten, konnten in Deutschland von etwa 7.500 Verbindungsdaten "nur" 987 Tatverdächtige ermittelt werden. Deren Daten mussten von 130 Providern in Form von Auskunftsersuchen eingeholt werden. Zur Abarbeitung dieses Großverfahrens und dem damit verbundenen Anfall von Massendaten setzte das LKA erstmalig speziell gefertigte Recherche-Tools ein.

Bei all diesen Tatverdächtigen wurden Ermittlungsverfahren durch die jeweils für den Wohnort zuständigen Staatsanwaltschaften eingeleitet und die notwendigen polizeilichen Maßnahmen durch die örtlich zuständigen Dienststellen durchgeführt.

Bei den Durchsuchungen in Deutschland stellte die Polizei mehr als 1000 Rechner, mehr als 1800 Videos und fast 45.000 Datenträger sicher. In mehreren hundert Fällen konnte der unmittelbare Tatnachweis bereits geführt werden.

In drei Fällen konnte der anhaltende sexuelle Missbrauch der jeweiligen Töchter bzw. Stieftöchter durch diese Ermittlungen unterbunden werden (Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein).

"Gerade der Fall aus Schleswig-Holstein zeigt die unglaubliche Brutalität und Menschenverachtung der Täter!", so LKA-Präsident Dathe. Hier konnten die Ermittler dem inzwischen 41jährigen Täter den vielfachen, fast täglichen, sexuellen Missbrauch seiner beiden Töchter und anderer Mädchen nachweisen. Er verbüßt mittlerweile eine achtjährige Haftstrafe.

Bei einer Wohnungsdurchsuchung in Niedersachsen wurde ein Tatverdächtiger beim Herunterladen von kinderpornografischen Material auf frischer Tat angetroffen.

Die Tatverdächtigen kommen aus allen Bevölkerungsschichten und allen Altersgruppen.

In Bayern ermitteln zahlreiche Kriminalpolizeidienststellen gegen insgesamt 134 Tatverdächtige. Bei ihnen konnten 182 PCs, 423 Videos und 7874 Datenträger sichergestellt werden.

Die Tatverdächtigen verteilen sich im Freistaat in den Regierungsbezirken wie folgt: München 23, Oberbayern 32, Niederbayern 12, Oberpfalz 6, Schwaben 19, Mittelfranken 16, Oberfranken 13, Unterfranken 13.

Die ersten mittlerweile stattgefunden Verurteilungen, bei denen die Täter wegen des Besitzes von kinderpornografischen Schriften bis zu 15 Monate Haftstrafe bzw. empfindliche Geldstrafen in Höhe von bis zu 12.750 Euro erhielten, würden deutlich zeigen, dass das Herunterladen von kinderpornographischem Material aus dem Internet eine erhebliche Straftat darstellt und mit allen Konsequenzen verfolgt wird, heißt es vom LKA. Die PC-Hardware (Computer, Monitor, usw.) wird in diesen Fällen im Regelfall eingezogen.

Die Netzwerkfahndung des Bayerischen Landeskriminalamtes war weltweit die erste Polizeieinheit, die dafür sorgte, dass sich das Internet nicht zu einem rechtsfreien Raum entwickeln konnte.

Für Hinweise aus der Bevölkerung über diese "menschenverachtende Form der Kriminalität" sind die Internetfahnder des LKA über die E-Mail-Adresse netzwerkfahndung@polizei.bayern.de erreichbar.

Bereits seit 1995 – also keine zwei Jahre nach der ersten Möglichkeit für Jedermann, das World Wide Web zu nutzen – wurde diese Dienststelle, damals noch als Arbeitsgruppe, eingerichtet. Mit ihrem heute zwölfköpfigen Team fahndet sie insbesondere zur Bekämpfung der Kinderpornografie weiter unentwegt im Internet nach strafbaren Inhalten – auch ohne besonderen Anlass.
22.08.08
Neumarkt: Pädokriminelle geschnappt
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