Erstes Evangelisches Dekanat

Von Ernst Damm

NEUMARKT. Vor 450 Jahren, in der Zeit als die Einwohner Neumarkts den lutherischen Glauben angenommen hatten, wurde im Jahr 1558 ein Evangelisch-Lutherisches Dekanat Neumarkt errichtet, genannt kurpfälzische Superintendentur Neumarkt. Durch die Gegenreformation wurde sie 1626 aufgehoben. Zur gleichen Zeit, nämlich seit 1574, bestand aber schon eine weitere Superintendentur im "Landl". Der Dekanatssitz war zunächst in Sulzbürg. Er wechselte 1740 nach Sulzkirchen, dann 1814 nach Pyrbaum und befindet sich seit 1914 bis heute in Neumarkt.

Wie Dekan i. R. Peter Smolka in dem von ihm herausgegebenen Dekanatsbuch feststellt, ging die Reformation in Neumarkt nicht vom Fürsten aus, sondern vom Volk. Auf das Verlangen der Bevölkerung antwortete Pfalzgraf Friedrich II., Statthalter der Kurpfalz für ihre "Obere Pfalz", mit Verbot und Bücherverbrennung. Später gab er nach und genehmigte die evangelische Predigt und das Abendmahl mit Brot und Wein. So setzte sich 1538, vor 470 Jahren, die Reformation in Neumarkt durch. Es entstanden Gemeinden in einem geordneten und verfassten evangelischen Kirchenwesen. Ohne ausreichende Kenntnisse und entsprechende Prüfungen wurde kein Pfarrer zugelassen. Zur Beaufsichtigung entstand 1558 die kurpfälzische Superintendentur (heute Dekanat genannt).

Die Superintendentur erstreckte sich mit 40 Pfarreien über ein Gebiet, das mit Ausnahme seines südlichen Teils um Berching in etwa dem heutigen Landkreis Neumarkt entspricht. Im Historischen Atlas von Bayern werden die Pfarreien, die sich dem lutherischen Glauben angeschlossen hatten, namentlich genannt: Berg, Berngau, Deining, Dietkirchen, Döllwang, Freystadt, Großalfalterbach, Günching, Hagenhausen, Hausheim, Heng, Hohenfels, Holnstein, Lauterhofen, Lengenfeld, Litzlohe, Möning, Neumarkt, Oberrohrenstadt, Oberwiesenacker, Pavelsbach, Pfaffenhofen, Pölling, Pollanten, Seligenporten, Sindelbach, Staufersbuch, Stöckelsberg, Tauernfeld, Thann, Traunfeld, Utzenhofen, Waldkirchen, Waltersberg, Wappersdorf, Wattenberg, Weidenwang und Pelchenhofen. Um 1589 wurden mehrere Pfarreien zur neu errichteten Inspektion Sindelbach und die Pfarreien der Ämter Helfenberg und Holnstein zur neu errichteten Inspektion Lengenfeld abgetrennt; der Rest wurde als Inspektion Neumarkt weitergeführt. Erhalten ist ein Ordinationsschein von Christoph Günther, Pfarrer in Hagenhausen, in lateinischer Sprache vom 13. März 1578 im Staatsarchiv Amberg. Unter den Superintendenten (Dekanen) sind u.a. die Namen überliefert: Johann Kleinau, Quirinius Stöckel, Martin Prätorius, Simon Mendel (Manlius), Röttinger, Paulus Agrikola.

Als die Superintendentur 1626 durch die Gegenreformation aufgehoben wurde, endete zwar nach einer Zeit von 68 Jahren die Amtsdauer dieses Vorläufers des heutigen Dekanatsbezirks in der Reformationszeit. Zur gleichen Zeit bestand aber schon eine weitere Superintendentur in einem anderen Gebiet des heutigen Dekanatsbezirks, dem "Landl".

Superintendentur im "Landl"

Die Reichsfreiherren von Wolfstein, Herren von Sulzbürg und Pyrbaum, führten in ihrer Besitzung, dem "Landl", die Reformation ein. Dazu berief Freiherr Bernhard von Wolfstein am 1. August 1561 Pfarrer Johann Huß von Ebenried nach Sulzbürg. Dieser Zeitpunkt kann als Beginn der geordneten Reformation "von oben" angesehen werden. Huß hatte bereits Erfahrung, da in Ebenried schon seit längerem die Nürnbergisch-Brandenburgische Kirchenordnung eingeführt war. Er wird in einer Gerichtsakte als "Reformator des Sulzgaus" bezeichnet. Dennoch sollte es 23 Jahre dauern, bis der letzte "Landl"-Ort einen protestantischen Pfarrer hatte: Sulzbürg 1561, Oberndorf 1561, Sulzkirchen 1566, Kerkhofen 1567, Bachhausen 1584.

Bernhards Nachfolger, Freiherr Johann Andreas, hielt es für angebracht, durch eine schriftlich niedergelegte Kirchenordnung die praktizierte Glaubensausübung auf ein festes Fundament zu stellen. Er berief 1574 Pfarrer Thomas Stiebar nach Sulzbürg, der auch Inhaber der eigens für ihn errichteten Superintendentur wurde. Als erster "Dekan" in der Grafschaft Wolfstein war er Vorgesetzter der "Landl"-Pfarrer und Leiter des "Konsistoriums Wolfstein". Im gleichen Jahr gibt Stiebar die "Instructio Christiana" heraus, eine Kirchenordnung für das Wolfsteinische Gebiet, die sich an der Nürnbergisch-Brandenburgischen Kirchenordnung von 1533 orientierte. Ergänzt wurde sie durch eine Ordinations- und Installationsordnung, eine Pfarrerdienstverpflichtung und einen Katechismus. Mit dem 1719 erschienenen Wolfstein'schen Gesangbuch, der "Davidsharpfe", war die Kirchenordnung bis 1809 in Gebrauch.

Danach wurden Gesangbuch und Kirchenordnung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche übernommen. 1583 wechselte Stiebar auf die Pfarrstelle Pyrbaum unter Beibehaltung des Superintendentenamtes bis 1608. Einer seiner Nachfolger ist Johann Andreas Spiegel (1657-1685), ebenfalls Pyrbaum.

Urzelle der bayerischen evangelischen Landeskirche

Nachdem 1522 das Geschlecht der Wolfsteiner durch Kaiser Karl V. in den Reichsfreiherrenstand erhoben worden war, gewährte Kaiser Maximilian II. 1566 dem Baiernherzog die Lehensanwartschaft auf die Herrschaft Wolfstein. Dieses Recht sollte von besonderer Bedeutung werden. Denn nach dem Tod des letzten Reichsgrafen Christian Albrecht im Jahr 1740, der Erbprinz Friedrich Wilhelm August war 1728 im Alter von 12 Jahren plötzlich verstorben, kam die Grafschaft an das katholische Kurfürstentum Bayern.

Obwohl an Ausdehnung klein, handelt es sich doch um das erste geschlossene Gebiet in Alt-Bayern mit neun Pfarreien, elf Kirchengemeinden und damit in der Tat um den allerersten Grundstock der künftigen evangelischen Landeskirche mit einer eigenen Kirchenleitung.

Das "Landl" blieb für weitere hundert Jahre maßgebend für die Protestanten der Umgebung. Es wurde lediglich protestantisches Dekanat, zunächst mit Sitz in Sulzkirchen. Damit war die konfessionelle Einheitlichkeit Bayerns durchbrochen und der Anfang zur lutherischen Landeskirche gemacht. Erster Leiter dieser kleinen Landeskirche war der "Ministerii Senior" Magister Johann Michael Heppe (1730-1742) in Sulzkirchen. Er ist damit auch der erste Landesbischof. Sein sehr verwitterter Grabstein ist heute noch erhalten und in die Mauer neben dem Leichenhaus eingelassen. Heppe folgten die Dekane Johann Wilhelm Walter (1743-1779) und Johann Friedrich Höchstetter (1779-1813).

Pyrbaum wird Dekanatssitz

Sulzkirchen blieb Sitz des Dekanates bis 1814. In diesem Jahr wurde Pyrbaum für 100 Jahre Sitz des Dekanates und 1827 in "Dekanat Pyrbaum" umbenannt. Dekane waren Friedrich Gottlieb Elsperger, Johann Christian Schaupert, Friedrich Meyer, Friedrich Gottlob Seyler, Senior Münch und Theodor Stammberger als Verweser.

Dekanatssitz in Neumarkt

Am 1. Oktober 1914 wurde das Dekanat Neumarkt errichtet. Kurios ist, dass Neumarkt zwei Jahre zuvor noch Vikariat war und erst 1912 zur Pfarrei erhoben wurde. Zum Dekanat gehörten neben Neumarkt die neun Kirchengemeinden der früheren Grafschaft Wolfstein: Bachhausen, Mühlhausen, Sulzbürg, Rocksdorf, Kerkhofen-Hofen, Oberndorf, Ebenried und Pyrbaum. Dazu kamen 1928 Beilngries, 1948 Parsberg und 1957 Allersberg. Erster Dekan war D. Ernst Burger bis 1920, später Oberkirchenrat in München. Es folgten Markus Ammon, 1928 Dr. phil. Theodor Stark, 1936 Kirchenrat Karl Krodel, 1960 Kirchenrat Friedrich Hofmann, 1971 Rudolf Kahle, 1983 Peter Smolka, 1995 Hans-Gerch Philippi, 1998 Dr. Wolfgang Bub. Das Dekanat gehörte zeitweise zum Generaldekanat Regensburg, zum Konsistorium Bayreuth, 1934-1945 zu Nürnberg, danach wieder zu Bayreuth, bis es 1951 zum neu errichteten Kirchenkreis Regensburg für Niederbayern und der Oberpfalz kam.

Das Dekanat nach dem 2. Weltkrieg

Hatte die Zahl der Evangelischen im Dekanatsbezirk bis 1944 4.580 betragen, so stieg sie nach dem 2. Weltkrieg durch Flüchtlinge aus dem Osten bis 1950 auf 11.884. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung verdoppelte sich dadurch auf 14 Prozent. Die Schülerzahl stieg von 569 auf 1.675 in 67 Unterrichtsorten, die Zahl der Predigtstationen musste von 15 auf 47 vermehrt werden. Die wichtigste Aufgabe bestand darin, die Heimatvertriebenen zu integrieren. Neben Gottesdienst und Unterricht war materielle Hilfe durch das Evangelische Hilfswerk dringend erforderlich. Zu dieser Zeit umfasste der Dekanatsbezirk vier Landkreise (Neumarkt, Beilngries, Parsberg und Riedenburg) sowie Teile des Landkreises Hilpoltstein. Nach dem Krieg fanden die ersten Kirchenvorstandswahlen seit 1933 statt. Erstmals seit 1933 trat im April 1947 wieder die Bezirkssynode in Neumarkt zusammen.

Der Dekanatsbezirk heute

Heute leben im Dekanatsbezirk rund 18.500 Evangelische in den Kirchengemeinden Allersberg, Bachhausen, Mühlhausen, Beilngries mit den Orten Berching und Dietfurt, Ebenried, Neumarkt, Parsberg, Pyrbaum, Sulzkirchen, Oberndorf, Sulzbürg. Höchste Leitungsgremien sind die Dekanatssynode und der Dekanatsausschuss, deren Mitglieder sich neben dem Dekan aus gewählten Kirchenvorsteher aus den Gemeinden sowie aus Pfarrern zusammensetzen. Derzeit gibt es 12,5 theologische Pfarrstellen und eine theologisch-pädagogische Stelle. Rund 30 Prädikanten und Lektoren tragen zum reichhaltigen Gottesdienstangebot bei.

Auf Dekanatsebene gibt es eine Jugendreferentin, ein Frauenteam und einen Missionsarbeitskreis sowie einen Beauftragten für die Ehrenamtlichen. Der Schulbeauftragte ist zuständig für die Einteilung des evangelischen Religionsunterrichts sowie Ansprechpartner für die Lehrkräfte, die Religionsunterricht erteilen. Außerdem leitet er die Religionspädagogische Arbeitsgemeinschaft Lehrer/Pfarrer und betreut die Religionspädagogische Bibliothek. Die Dekanatskantorin ist zuständig für die Fortbildung und Beratung der Leiterinnen und Leiter der Kinder-, Kirchen- und Posaunenchöre sowie für die Ausbildung von Organistennachwuchs in den Gemeinden. In der zentral gelegenen Familienerholungs- und Tagungsstätte Sulzbürg finden jährlich eine Kirchenvorstehertagung und eine Frauenfreizeit statt. Im Dekanat gibt es ein Bildungswerk und das Diakonische Werk.

Näheres über die Geschichte des Dekanatsbezirks Neumarkt und die der Kirchengemeinden kann man im "Dekanatsbuch", herausgegeben von Dekan i. R. Peter Smolka, nachlesen, erhältlich beim Evangelisch-Lutherischen Dekanat, Seelstraße 11, 92318 Neumarkt, Telefon 09181/407391 zum Preis von 10 Euro.
11.08.08
Neumarkt: Erstes Evangelisches Dekanat
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