Perspektiven aufzeigen


So soll die Landschule in Dietkirchen ab 2009 aussehen. Unter der textilen Außenhülle warten Werkräume, Klassenzimmer, ein Meditationsraum und ein lichtdurchfluteter Innenhof auf die Schüler.

NEUMARKT. Mit einem Sozialprojekt "WIR – Landschule Dietkirchen" sollen Hauptschülern Perspektiven für die Zukunft aufgezeigt werden.

Um Hauptschülern Perspektiven für die Zukunft aufzuzeigen, engagiert sich die Firma "Variotec" beim Sozialprojekt "WIR – Landschule Dietkirchen". In einem für die Jugendlichen errichteten Neubau sollen die Schüler neben dem Schulstoff auch Sozialkompetenzen erlernen – eine unabdingbare Voraussetzung für das spätere Berufsleben. Die Neumarkter Firma "Variotec", Hersteller von Passivhauselementen, Fenstern, Türen und Vakuum-Hochleistungsdämmung unterstützt die Initiatoren bei der technischen Umsetzung des innovativen Neubaus im Passivhausstandard.

Wer Hauptschüler ist, hat es häufig nicht leicht, denn Einsamkeit, Perspektivlosigkeit und Gewalt beeinflussen den Alltag dieser Kinder und Jugendlichen. Nicht nur die eigene Familie, auch die Gesellschaft nimmt die Heranwachsenden mit dem Prädikat "Hauptschüler" als Verlierer wahr. An die eigene Zukunft glaubt kaum eines der Kinder – es fehlen die Perspektiven. Xaver Bösl, römisch-katholischer Diakon an der "Hauptschule Weinbergerstraße" in Neumarkt, kennt die Sorgen und Nöte der Jugendlichen.

Der Geistliche arbeitet hier seit 25 Jahren als Religionslehrer und Schulseelsorger. "Etwa 40 Prozent unserer Kinder stammen aus zerrütteten Familien. Viele Kinder sind nachmittags und abends sich selbst überlassen und flüchten sich in ihrer Einsamkeit in die Scheinwelt der Medien und der Computerspiele. Viele leiden darunter, nur Hauptschüler zu sein. Auch die Eltern fühlen sich als Versager, weil ihr Kind in der Hauptschule, hängengeblieben’ ist", berichtet Bösl.

Der Nachwuchs bereitet jedoch nicht nur dem Diakon und den Lehrern Kopfzerbrechen sondern auch der Wirtschaft. Christof Stölzel, Geschäftsführer der mittelständischen Firma "Variotec" in Neumarkt, kennt die Problematik: "Wenn von 20 gewerblichen Lehrlingen, die wir einstellen, nur fünf den Abschluss hinkriegen, weil sie zwischendurch aufgeben, muss man etwas tun". Die meisten Jugendlichen seien nicht ausbildungsfähig, weil sie dem Arbeitsalltag nicht gewachsen sind und auch "leben" nicht richtig gelernt hätten. Langfristig betrachtet, seien viele dieser Abbrecher die Sozialhilfeempfänger von morgen.

Dass es gar nicht erst soweit kommt, dafür kämpft Diakon Bösl. "Wir müssen diese Kinder in ihrer sozialen Kompetenz, ihrer Konflikt-, Leidens- und Erlebnisfähigkeit unbedingt fördern, denn die berufliche Zukunft ist für viele düster. Entsprechend gering ist deshalb die Motivation zum Nachhaltigen Lernen", erklärt er.

Auf Basis seiner Erfahrungen hat der 53jährige Diakon ein schulpastorales Konzept für eine "integrative Landschule" in Zusammenarbeit mit Schulleiter Christoph Weigert und einem kleinen Team von Lehrkräften entwickelt. In Dietkirchen, etwa zwölf Kilometer von Neumarkt entfernt, soll das Vorhaben unter dem Namen "WIR" starten.

Im Juli 2007 gründete dazu eine Initiative aus Lehrern, Schülern, Eltern, der Diözese Eichstätt und einheimischen Firmen den Verein "WIR – Landschule Dietkirchen e.V.". Zum Vorsitzenden wählten die Initiatoren Xaver Bösl und als zweiten Vorstand Christof Stölzel. Die Idee: In einem eigens für die Jugendlichen errichteten Gebäude sollen Grundwerte wie Zuwendung, Wertschätzung, Beachtung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft gefördert werden. "Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler miteinander lernen, sich gegenseitig unterstützen, füreinander da sind, miteinander leben und arbeiten, Streiten lernen, Verantwortung übernehmen, Gefühle leben und verarbeiten und einen Sinn in Ihrem Leben sehen", erläutert Bösl.

Das Konzept sieht vor, dass eine Schulklasse in Dietkirchen jeweils eine Woche lang in Abgeschiedenheit und Ruhe in den Kernfächern unterrichtet wird und sich dabei selbst versorgt. Alles unter sozialpädagogischer Betreuung. Dabei sollen die Jugendlichen durch die Arbeit auf einem benachbarten Biobauernhof auch kennenlernen, wo ihr Essen herkommt. Außerdem übernehmen sie aktiv die Verantwortung bzw. Patenschaften für die Verpflegung von Hühnern, Schafen, Schweinen, Pferden oder dem Schulhund.

Übernachtet wird im ersten Schritt im naheliegenden Jugendhaus. Fernsehen, Computerspiele und Handys sind in dieser Zeit absolutes Tabu. Dafür gibt es andere Möglichkeiten der gemeinsamen Freizeitgestaltung. Dazu kommen religiöse Angebote, die es den Schülern ermöglichen sollen, ihr eigenes Leben zu deuten. Ein Pendelunterricht oder Wochenprogramme mit den Schwerpunkten: "Erwachsen werden" und "Qualivorbereitung" sind ebenfalls vorgesehen.

Die ursprüngliche Idee, das Projekt in einem seit den sechziger Jahren leer stehenden Schwesternhaus der Pfarrei Dietkirchen zu platzieren, scheiterte an den zu hohen Kosten für die Gebäudemodernisierung. Auch der Grundriss des Altbaus hätte eine optimale Umsetzung des pädagogischen Konzepts – Wohnen, Arbeiten und Lernen – verhindert. Ein Neubau muss her. Dank des Neumarkter Architekten Martin Forstner, der Projekte wie das weltweit erste vakuumgedämmte Nullheizenergiehaus von "Variotec" in Voggenthal betreute, entstand ein Konzept für einen zweigeschossigen Neubau.

Dieses Haus soll in vielerlei Hinsicht wegweisend sein. Der 16 mal 16 Meter große Schulbau gliedert sich in verschiedene Lehrer-, Klassen-, Werkstatträume sowie Therapie- und Meditationszimmer, die um einen lichtdurchfluteten Innenhof angeordnet sind. Die einzelnen Räume sollen aus vorgefertigten Holzmodulen entstehen. Vor Wind und Wetter geschützt wird das Ganze von einer multifunktionalen Membranhülle, die das Gebäude umspannt. Diese Neuentwicklung sorgt jedoch nicht nur für angenehme Temperaturen und Tageslicht im Haus sondern erzeugt gleichzeitig auch den Strom für das Gebäude aus Solarenergie.

Außerdem kommt in dem Gebäude ein eigenständiger, geschlossener Wasserkreislauf zum Tragen, der die natürlichen Ressourcen schonen hilft. Ausgeklügelte Haustechniksysteme wie Wärmepumpen oder die Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sollen die Energiekosten auf ein Minimum reduzieren.

Wie das Schulgebäude genau funktioniert, darüber sollen die Schüler später einmal Schautafeln informieren. Sie selbst können an der Entstehung des Hauses mitwirken und im Rahmen ihrer handwerklichen Fähigkeiten Außen-, Garten- oder Malerarbeiten übernehmen. Ein willkommener Nebeneffekt: Das Gebäude hilft dabei, die Schüler für Themen wie Ressourcenschonung, Umweltschutz und nachhaltiges Bauen zu sensibilisieren. Und sollte das Haus einmal zu eng werden, lässt es sich einfach modular erweitern.

Der Anfang ist gemacht. Viele Schulen des Landkreises wie die initiierende Hauptschule Weinbergerstraße freuen sich bereits auf die neuen Möglichkeiten für ihre Schüler. Doch die veranschlagten Projektkosten von bis zu 700.000 Euro sind hoch. Deshalb sucht der Verein "WIR – Landschule Dietkirchen e.V." noch Sponsoren.
28.09.07
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