Gold-Raub: Prozeß beginnt


Einer der Angeklagten; der unter Künstler-
namen auch als Rapper bekannte Giwar H.
NEUMARKT. Am Mittwoch beginnt vor dem Stuttgarter Landgericht der Prozeß gegen die Neumarkter "Goldräuber".

Sie hatten bei einem filmreifen Überfall auf einen Neumarkter Lieferwagen im Dezember letzten Jahres zentnerweise Gold im Wert von angeblich 1,9 Millionen Euro erbeutet.

Alle mutmaßlichen Täter konnten festgenommen werden. Von der Beute fehlt aber noch jede Spur.

Der Neumarkter Geschäftsmann - nach eigenen Angaben einer der größten Altgoldhändler Deutschlands - hatte das Gold nicht versichert. Inzwischen vertraut er solche Gold-Transporte einem Werttransport-Unternehmen an.


Diese Handschellen wurden benutzt: mit Handschließe...


... und mit Breitscharnier. Die Herkunft ist bis heute ungeklärt
Fotos:Polizei
Vor Gericht stehen fünf Männer, gegen die die Staatswanltschaft Anklage wegen schweren Raubes erhoben hat. Der Prozeß dürfte sich über Monate erstrecken: 39 Verhandlungstage sind vorläufig eingeplant. Eingeweihte rechnen mit einem Urteil frühestens im Mai nächsten Jahres.

Einer der Akteure, der den Räubern den entscheidenden Tipp gegeben haben soll, steht nicht vor Gericht: der 53jährige Mann, bundesweit durch einen Justizirrtum bekannt geworden (wir berichteten), wiegt fast 200 Kilo, hat Glasknochen und wurde von Gutachtern als auf Dauer verhandlungsunfähig eingeschätzt. Die Art seiner Beteiligung am Goldraub wird möglicherweise niemals geklärt werden.

Die Angeklagten haben bisher zu den Vorwürfen geschwiegen und werden dies möglicherweise auch vor Gericht tun, wie ein Verteidiger durchblicken ließ.

Eine ganze große Frage in dem Kriminalfall ist natürlich der Verbleib der riesigen Beute. Der Neumarkter Goldhändler hat 100.000 Euro Belohnung für die Wiederbeschaffung ausgesetzt.

Die Polizei glaubt, daß es einen Strohmann gibt, der zum Beispiel auch die beim Überfall benutzten Autos angemietet hat. Nicht auszuschließen, daß er auch auf der Beute sitzt. Eine Überprüfung aller Scheideanstalten in Deutschland und Umgebung hat bisher nichts gebracht.

Zur Erinnerung:

Zwei Angestellte eines Schmuck- und Goldhandelsunternehmens mit Sitz in Neumarkt und Nürnberg, die mit dem Neumarkter Firmeninhaber verwandt sind, befanden sich am Dienstag, 15.Dezember 2009, auf dem Weg von Nürnberg nach Pforzheim und transportieren Schmuck sowie Zahngold im Wert von - je nach Schätzung -rund 1,7 bis 1,9 Millionen Euro, das zur Einschmelzung in einer Scheideanstalt vorgesehen war.

Sie waren unterwegs mit einem silber-grauen Daimler Chrysler vom Typ Sprinter mit dem Neumarkter Kennzeichen NM-RH 818 und mit der Aufschrift "Antik- und Schmuckmärkte - Neumarkt". Fahrtbeginn war gegen 8.30 Uhr am Ladengeschäft in der Allersberger Straße in Nürnberg, wo unmittelbar vor Fahrtbeginn – zwischen 8 und 08.15 Uhr – das Fahrzeug beladen wurde.

Auf der BAB 81, zwischen den Anschlussstellen Pleidelsheim und Ludwigsburg-Nord, wurden sie von einem mit drei Männern besetzten, dunklen 3er oder 5er BMW mit Nürnberger Behördenkennzeichen überholt Im Bereich des Armaturenbretts war ein Blaulicht in Betrieb, im Bereich der Heckscheibe eine rote Leuchtschrift "Bitte folgen". Die Geschädigten folgten diesem BMW über die Ausfahrt Ludwigsburg-Nord auf die B27, Fahrtrichtung Ludwigsburg und wurden von diesem unter der dortigen Autobahnbrücke gegen 10 Uhr gestoppt.

Sie wurden von den Tätern, die sich als Steuerfahnder ausgaben, zum Verlassen des Fahrzeugs aufgefordert mit dem Hinweis, dass sie aufgrund von Steuerhinterziehung verhaftet seien. Außerdem sei ihr Fahrzeug beschlagnahmt. Zeitgleich finde eine Durchsuchung der Firma in Nürnberg statt.

Unmittelbar darauf wurden ihnen Handschließen angelegt und sie wurden in den BMW gebracht. Sämtliche Täter waren mit grünen Oberteilen und schwarzen Westen mit der Aufschrift "Polizei" bekleidet. Die Opfer sahen bei den Tätern allerdings keine Waffen. Zeitgleich hielt hinter dem Fahrzeug der Geschädigten ein roter VW-Bus mit abgedunkelten Scheiben, Typ 4 oder Typ 5, mit dem Kennzeichen SÜW-? oder SU-W an, aus dem ein vierter Täter ausstieg.

Der BMW mit den beiden Opfern und das Neumarkter Fahrzeug wurden anschließend wieder auf die BAB 81, Fahrtrichtung Heilbronn, gelenkt. In einem Waldstück zwischen der Strecke Neuenstadt – Bad Friedrichshall und Oedheim wurden die beiden Männer auf einem Waldweg gefesselt ausgesetzt. Den Männern, die nicht verletzt wurden, gelang es wenig später, zur Straße zurückzukehren und Fahrzeuge anzuhalten, deren Insassen die Polizei verständigten.

Der gestohlene Sprinter wurde am Abend in Ortsnähe von Mundelsheim, im Bereich der dortigen Autobahnausfahrt, auf einem Wanderparkplatz aufgefunden.. Bei der Kriminalpolizei Ludwigsburg wurde zur Klärung der Tat noch am Tattag die Ermittlungsgruppe "Gold" eingerichtet.
26.10.10
Neumarkt: Gold-Raub: Prozeß beginnt
Telefon Redaktion



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