"Längst überwundene Zeiten..."

NEUMARKT. Wieder einmal versuchten Einzelhändler, das Duchfahrtsverbot am Rathaus zu kippen - und kassierten diesmal eine volle Breitseite.

In einer ausführlichen Stellungnahme der Neumarkter Polizei schreibt stellvertretender Inspektionsleiter Jörg Degenkolb den Befürwortern einer Öffnung ins Stammbuch, daß dies "ein Rückfall in längst überwundene Zeiten" wäre.


Die Rathaus-Durchfahrt sei "aus guten Grund" für den Individualverkehr gesperrt worden. Einzelhändler hatten sogar eine Unterschriftenaktion angeleiert, um diese Entscheidung zu kippen.

Wir veröffentlichen die Stellungnahme der Polizei leicht gekürzt im Wortlaut:

(Die) gemeinsamen Anstrengungen zur Belebung der Innenstadt sind zunächst einmal sehr erfreulich. Forderungen nach mehr Grün, besserer Bepflanzung, attraktiveren Warenangeboten, innovativeren Ladenkonzepten sind sicherlich eine Überlegung und Diskussion wert. Vieles davon lässt sich in die Tat umsetzen.

Den Königsweg für die Innenstadtbelebung jedoch in der Öffnung der Rathausdurchfahrt zu sehen, halte ich für falsch. Schlimmer noch, diese Position ist ein Rückfall in längst überwundene Zeiten!

Aus guten Grund wurde die Rathausdurchfahrt für den Individualverkehr gesperrt. Entweder die Fahrzeuge reihten sich regelmäßig aneinander oder es kam zu gefährlichen Begegnungen zwischen ihnen und Fußgängern und Radfahrern. Heute, über 20 Jahre später, ist der Individualverkehr gestiegen, es gibt teilweise zwei bis drei oder mehr Fahrzeuge pro Haushalt.

Mit der Öffnung der Rathausdurchfahrt wird eine Situation neu geschaffen und wiederbelebt, die in den 90er Jahren als Misere erkannt und abgeschafft wurde.

Zusätzlich zu der problematischen Kreuzungssituation am Oberen Markt, mit ihrer sehr fein aufeinander abgestimmten diffizilen Ampelschaltung zur Ingolstädter Straße, Bahnhofstraße, Badstraße, Ringstraße und Obere Marktstraße und dem zunehmenden Verkehr am Unteren Markt mit der Hauptachse Kurt-Romstöck-Ring, Dammstraße und Nürnberger Straße, soll eine neue Hauptachse Marktstraße entstehen? Mit Durchfahrts- und Umgehungsverkehr? Zwischen zwei neuralgischen Kreuzungen Oberer und Unterer Markt?

Nach Überzeugung der Einzelhändler und ihrer Interessenvertreter, steigert gerade die Durchfahrt und die zusätzlichen Parkmöglichkeiten vor den Geschäften die Attraktivität der Innenstadt.

Bereits jetzt gibt es am Unteren und Oberen Markt Parkmöglichkeiten, auch direkt vor etlichen Geschäften. Andere, naheliegende Parkplätze und Parkhäuser sind in ausreichender Zahl vorhanden. Von dort aus gelangt man in wenigen Minuten in die Marktstraße. Eine Öffnung der Marktstraße würde an dieser Situation nichts ändern! Es gäbe zwar geringfügig mehr Parkplätze, dafür aber wesentlich mehr Verkehr in der Marktstraße! Unweigerlich würden negative Folgen mit der Öffnung einhergehen. Die Lärmbelästigung in der Marktstraße und den Anliegerstraßen wird zunehmen. Stadtbusse werden an der freien Fahrt behindert, der öffentliche Personennahverkehr eingeschränkt werden, was zu noch mehr Individualverkehr führen würde. Gefährliche Begegnungen zwischen Pkw, Radfahrer und Fußgänger, vor allem im Querungsbereich Klostergasse, Hallertorstraße würden zunehmen, die Gefahr von Unfällen würde steigen. Navigationsgeräte lotsen den Umgehungsverkehr wieder in die Marktstraße.

Vorschläge, die Durchfahrt zu regulieren sind gut gemeint, scheitern jedoch meist an ihrer praktischen und rechtlichen Durchführbarkeit. Bodenschwellen bremsen auch Stadtbusse aus. Ein fest installiertes Blitzgerät müsste von der Kommune betrieben werden. Diese sind auch häufig das Ziel von Sachbeschädigung.

Die funktionierende vorübergehende Öffnung während der Bauarbeiten am Unteren Tor als Argument für ein allgemeines Gelingen heranzuziehen ist riskant, während dieser Phase fand nur ein Bruchteil des Fahrzeugverkehrs statt, der bei einer Öffnung unter den gegenwärtigen Umständen stattfinden würde.

Ich denke, eine ausschließliche autogerechte Innenstadt ist überholt. Einkaufen in der Innenstadt entwickelt sich immer mehr zum Erlebnis und oft wird es mit anderen Aktivitäten verbunden. Deshalb ist die Aufenthaltsqualität entscheidend. Dazu zählt ein ansprechender Fußgängerbereich, der zum Flanieren und Verweilen einlädt. Ansätze zur Verschönerung und Steigerung der Attraktivität sind da und müssen genutzt werden. Vor allem aber auch wegen Sicherheitsaspekten gehört mehr Pkw-Verkehr oder die Öffnung der Rathausdurchfahrt nicht dazu.

Jörg Degenkolb
Erster Polizeihauptkommissar
(stellv. Dienststellenleiter)

13.05.16
Neumarkt: "Längst überwundene Zeiten..."
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