125 Pferde und ein Minister


125 Pferde werden wieder erwartet

NEUMARKT. Ministerpräsident Horst Seehofer wird heuer den zweijährlichen Turnus seiner Anwesenheit beim Berchinger Roßmarkt durchbrechen. Statt ihm spricht am 4. Februar Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt beim "größten Wintervolksfest in Bayern".

Ob es die Pfiffe wegen der drohenden Stromtrasse waren, die im letzten Jahr in Berching Seehofers Wirtschaftsministerin Ilse Aigner entgegenschallten, bleibt offen: jedenfalls unterbrach der Ministerpräsident die "Tradition" seit 2007, alle zwei Jahre am Roßmarkt zu sprechen.

Für ihn kommt Christian Schmidt, erste Bundeslandwirtschaftsminister in Berching seit dem Jahr 2007 - das war übrigens damals pikanterweise Horst Seehofer. Außerdem werden rund 125 Pferde in der mittelalterlichen Stadt erwartet.

Teilweise kommen die "Rosserer" mit ihren Pferden schon 30 Jahre und länger nach Berching. Neben der Pferdeschau ist der Rossmarkt an diesem Tag der größte Kram- und Warenmarkt in Bayern. Etwa 300 Fieranten bieten ihre Produkte feil. Neben dem Kleintiermarkt mit Hühnern, Hasen, Tauben, den Rosswurstständen gibt es praktisch alles zu kaufen, was auf Märkten gehandelt wird.

Pünktlich um 9 Uhr sollen die Pferde geschlossen auf den Marktplatz aufgetrieben werden.

Um 10.30 Uhr beginnt dann die Großkundgebung mit Minister Christian Schmidt als "Zugpferd".


Jeweils am Mittwoch nach Lichtmess werden in der 1100jährigen Stadt viele Pferde und Gespanne aufgetrieben und zur Schau gestellt. Zahllose Fieranten verwandeln das mittelalterliche Berching mit seinen 13 Türmen und vier Toren in einen riesigen Warenmarkt.

Pferde und Pferdemärkte haben in Berching eine jahrhundertealte Tradition. Als wirtschaftliches Zentrum des Sulzgaues war die Stadt seit dem Mittelalter ein bedeutender Marktplatz für die Versorgung des bäuerlichen Hinterlandes. Das Marktrecht war Berching bereits vor 1245 verliehen worden. Seit alters her wurden hier Viehmärkte abgehalten, auf denen neben Ochsen, Rindern, Schweinen und Kleinvieh auch Pferde gehandelt wurden.

Welch bedeutende Rolle das Pferd im Leben der Vorfahren gespielt hat, zeigen zahlreiche Einträge in den Berchinger Ratsprotokollen. Insbesondere auf eine gute Gesundheit der Tiere wurde von Amts wegen großer Wert gelegt. Zu diesem Zweck wurden schon vor mehr als 250 Jahren regelmäßige "Rossbeschauen" durchgeführt.

Bereits in einer Ratssitzung vom 12. Jenner 1722 war folgendes beschlossen worden: Propst, Bürgermeister und Rat waren demnach übereingekommen, zur Verhütung etwaiger Pferdeseuchen alle Pferde einmal jährlich durch die aufgestellten Rossbeschauer tierärztlich kontrollieren zu lassen.

In den Niederschriften des Rates ist sogar noch ein wesentlich älterer Nachweis für eine derartige Pferdebeschau zu finden. Unter der Überschrift Rossgeschaw war bereits am 24. April 1678 vom Rat vereinbart worden,

Prominente Redner

NEUMARKT. Wer war eigentlich ranghöchster Gast beim Berchinger Roßmarkt ?

Das war weder Franz Josef Strauß (auch wenn er nach bayrischem Selbstverständnis vielleicht der wichtigste Mann war...), und nicht einmal Bundeskanzler Helmut Kohl.

In der nicht offiziellen, aber seit vielen Jahrzehnten geltenden Protokollarischen Rangliste der Bundesrepublik Deutschland folgt dem Bundespräsidenten der Präsident des Bundestages - noch vor Kanzler oder Kanzlerin. Ranghöchster Gast in Berching war also im Jahr 1983 der damalige Bundestagspräsident Richard Stücklen.

Die Rednerliste:
1964 Regierungspräsident Dr. Ernst Emmerig
1965 Regierungspräsident Dr. Rudolf Bickl
1967 Regierungspräsident Dr. Ernst Emmerig
1968 Staatsminister Otto Schedl
1970 Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Hans Eisemann
1971 Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Simon Nüssel
1972 Präsident des Bayer. Bauernverbandes Freiherr von Heremann
1973 Franz Josef Strauß
1974 Ministerpräsident Dr. h. c. Alfons Goppel
1975 Franz Josef Strauß
1976 MdB Dr. Aigner
1977 Franz Josef Strauß
1978 Staatsminister Alfred Dick
1979 Stellv. Ministerpräsident Karl Hillemeier
1980 Gerold Tandler
1981 Heinz Rosenbauer
1982 Ministerpräsident Dr. h. c. Franz Josef Strauß
1983 Bundestagspräsident Richard Stücklen
1984 Ministerpräsident Dr. h. c. Franz Josef Strauß
1985 Staatssekretär Dr. Edmund Stoiber
1986 Staatssekretär Simon Nüssel
1987 Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes Dr. Schnieders
1988 Staatsminister des Innern August Lang
1989 Staatsminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Simon Nüssel
1990 Ministerpräsident Max Streibl
1991 Fraktionsvorsitzender Alois Glück
1992 Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel
1993 Staatssekretär Josef Miller
1994 Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber
1995 Landwirtschaftsminister Reinhold Bocklet
1996 Staatssekretärin Monika Hohlmeier
1997 Bayer. Finanzminister Erwin Huber
1998 Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl
1999 Sozialministerin Barbara Stamm
2000 Innenminister Dr. Günther Beckstein
2001 Umweltminister Dr. Werner Schnappauf
2002 Wirtschaftsminister Dr. Otto Wiesheu
2003 Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber
2004 Landwirtschaftsminister Josef Miller
2005 Wissenschaftsminister Dr. Thomas Goppel
2006 Staatsminister Eberhard Sinner
2007 Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz Horst Seehofer
2008 Innenminister Joachim Herrmann
2009 Ministerpräsident Horst Seehofer
2010 Staatsminister für Umwelt und Gesundheit Dr. Markus Söder
2011 Ministerpräsident Horst Seehofer
2012 Landtagspräsidentin Barbara Stamm.
2013 Ministerpräsident Horst Seehofer
2014 Wirtschaftsministerin Ilse Aigner
Als Lokalität der Beschau wird der Blaz... vor der Frau Weillhammerin Haus genannt. Verantwortlich für die Beschau waren wiederum die vom Magistrat gewählten und vereidigten Rossgeschauer.

Sicherlich hat bei diesen Gelegenheiten das ein oder andere Pferd seinen Besitzer gewechselt. Dies war jedoch nicht der eigentliche Zweck der Veranstaltung. Bei der ungeheuer wichtigen Rolle, die Pferde damals in der Landwirtschaft und im Transportwesen spielten, hätte ein jährlich ein- oder zweimal stattfindender Rossmarkt niemals den Bedürfnissen gerecht werden können. Ein Bauer oder Fuhrmann brauchte bei Ausfall eines Pferdes sofortigen Ersatz. Pferde wurden zu dieser Zeit mit Sicherheit das ganze Jahr über gehandelt - wie heutzutage Autos und Traktoren.

Der eigentliche Ursprung des heutigen Berchinger Rossmarkts ist erst viel später zu suchen - im Jahr 1920. Am 5. Oktober dieses Jahres hatte der damalige Magistrat beschlossen, bei den zuständigen Behörden einen Antrag auf Abhaltung zweier "Pferde- und Fohlenmärkte" zu stellen. Neben einer Absatzförderung für die während des Ersten Weltkriegs stark ausweitete Pferdezucht in der Region dürften dabei in erster Linie eigene wirtschaftliche Erwägungen im Vordergrund gestanden haben.

Ein überregionaler Markttag brachte zahlreiches und zahlungskräftiges Publikum in die Stadt - zum Nutzen der ansässigen Geschäftswelt. Es sollten allerdings noch sechs Jahre ins Land gehen, ehe am 3. Febraur 1926 der erste "Berchinger Pferde- und Fohlenmarkt" stattfinden konnte. Im Unterschied zu heute handelte es sich damals um einen reinen Pferdemarkt.

Der Markt wurde von der Bevölkerung unerwartet gut aufgenommen und war auf Anhieb ein voller Erfolg. Nicht weniger als 341 Pferde waren damals aufgetrieben worden. Kein Wunder, dass für das folgende Jahr wiederum ein Pferde- und Fohlenmarkt angesetzt und vom Rat um eine ständige Genehmigung für einen jährlichen Rossmarkt nachgesucht wurde.

Auch das seither übliche Datum - der Mittwoch nach Lichtmess - wurde damals festgelegt. Dieser Zeitpunkt am Ende der ereignis- und umsatzarmen Winterzeit und vor Beginn der Fastenzeit kam den schon erwähnten Interessen der Berchinger Geschäftswelt entgegen. Darüber hinaus befanden sich in den Tagen um Lichtmess zahlreiche Dienstknechte und Mägde auf Arbeitsuche in der Stadt. Ihre Dienstverträge waren auf ein Jahr befristet und liefen traditionell an Lichtmess aus. Knechte und Mägde erhielten ihren Lohn ausbezahlt und konnten sich bei dieser Gelegenheit einen neuen Dienstherren suchen.

Von Seiten der Stadt wurde alles unternommen, um die Attraktivität des Marktes zu steigern. Schon 1928 wurden kleine Geldpreise und Fahnen für die größten Anbieter und Käufer ausgelobt. Für 1930 wird ein Auftrieb von 288 Pferden gemeldet. Damals verlangte die Stadt je Tier 50 Pfennig Standgeld. Da die Geldpreise von den ansässigen Geschäftsleuten mitgetragen wurden, waren die Unkosten für die Stadt denkbar gering. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fanden die Märkte ohne Unterbrechung statt.

Mit dem Jahr 1947 wurden in Berching die Vieh- und Krammärkte und in der Folge auch der schon traditionell gewordene Rossmarkt wieder aufgenommen. Wie vor dem Krieg wurden kleine Preise ausgesetzt und die Pferdehändler strömten zahlreich in die Stadt.


Stelldichein in Berching beim Roßmarkt.
Nach einem erfolgreichen Start machten sich allerdings bald zunehmende Schwierigkeiten bemerkbar. Neben zweier Absagen wegen der grassierenden Maul- und Klauenseuche in den Jahren 1952 und 1966 machte die zunehmende Motorisierung in der Landwirtschaft dem Handel mit Pferden seit Ende der 50er Jahre schwer zu schaffen.

Seit Mitte der 60er Jahre war der Berchinger Pferde- und Fohlenmarkt wie zahlreiche andere Pferdemärkte in Bayern gar in seiner Existenz bedroht. Die Berchinger wollten "ihren" Rossmarkt auf keinen Fall aufgeben. Seit 1964/65 wird zeitgleich mit dem Pferdemarkt in Berching der große "Bauernjahrtag im Westjura" veranstaltet. Zusätzlich sollten höhere Prämien mehr Pferdebesitzer veranlassen den Roßmarkt zu beschicken.

Damit einher ging die Wandlung von einem Pferdemarkt zu einer "Pferdeschau" mit großem Warenmarkt. Statt der früher vorherrschenden Kaltblüter wurden nun zusätzlich Reitpferde und Ponys aufgetrieben und zur Schau gestellt. Gerettet war der Rossmarkt damit noch keinesfalls.

Erst Anfang der 70er Jahre nahm der Berchinger Pferdemarkt einen überraschenden Aufschwung. Statt wie in den Jahren zuvor nur noch 50 bis 60 Pferde konnten die Besucher nun immer häufiger 100 und mehr Rösser bestaunen. Die Zahl der Besucher addierte sich regelmäßig auf 20.000 bis 30.000.

Zum einen war es der Stadt gelungen, zugkräftige Politiker als Festredner zu gewinnen. Zum anderen dürfte die größere Mobilität, die auch weiter entfernten Pferdebesitzern die Möglichkeit gab und gibt, den Markt zu beschicken, dann das Aussterben anderer Pferdemärkte, eine wiedererwachte Sehnsucht nach der - vorautomobilen – "guten alten Zeit" und der zunehmende Bekanntheitsgrad Berchings die Anziehungskraft des Rossmarkts gestärkt und sein Überleben gesichert haben.

Wenngleich der Berchinger Rossmarkt erst 1926 eingeführt wurde, kann dennoch von der Fortsetzung einer jahrhundertealten Pferdemarktgeschichte ausgegangen werden. Nimmt man den Rossmarkt in seiner heutigen Form als große Pferdeschau, so ist gegen einen Rückgriff auf das Jahr 1722, ja sogar auf das Jahr 1678 wenig einzuwenden. Damals wie heute wurden die Pferde nicht in erster Linie verkauft sondern "beschaut" - wenn auch damals aus anderen Gründen.
22.01.15
Neumarkt: 125 Pferde und ein Minister
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ISSN 1614-2853
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