"Mehr Nettolohn"


Carolin Braun, Helmut Himmler und Gertrud Heßlinger (stehend, von links) hatten die Gewerkschafter und Betriebsräte zum Erfahrungsaustausch eingeladen. Sitzend von links: Willi Dürr, Michael Meyer, Josef Brandl, Wolfgang Roider und Reinhard Peter.
Foto: Erich Zwick
NEUMARKT. Eine boomende Bauwirtschaft sei noch lange kein Beweis dafür, dass den in der Branche arbeitenden Menschen ein entsprechend gerechtes Einkommen zuteil wird. Mit diesen mahnenden Worten eröffnete Willi Dürr, der Vorsitzende der Region Regensburg im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), eine Bestandsaufnahme über die wichtigste Schlüsselbranche im Landkreis Neumarkt.

Das Gespräch hatten die Sprecher der SPD im Landkreis – die Neumarkter Stadtratsfraktionsvorsitzende Gertud Heßlinger, Kreisvorsitzende Carolin Braun und Bergs Bürgermeister Helmut Himmler – angeregt. Obwohl sich die beiden Letzteren am 28. September um einen Sitz im Landtag (Braun) und Bezirkstag (Himmler) zur Wahl stellen, wollten sie die nützliche Zusammenkunft nicht als Wahlveranstaltung verstanden wissen. Sie bekräftigten dies auch damit, dass eine derartige Erörterung künftig alle Jahre stattfinden wird.

Die weiteren Gesprächsteilnehmer der vormittäglichen zweistündigen Aussprache waren Reinhard Peter, Gewerkschaftssekretär bei der IG Bau in Regensburg und die Betriebsräte der beiden größten Neumarkter Bauunternehmen, Michael Meyer, zugleich Neumarkter DGB-Kreisvorsitzender, und Josef Brandl von der Firma Bögl sowie Wolfgang Roider von der Firma Klebl.

Was alle drei Betriebsräte wie aus einem Munde beklagten, sind die hohen Abzüge bei der Entlohnung. Das "Netto" muss sich wieder mehr dem "Brutto" annähern, damit sich Arbeit wieder lohnt. Aber mit dieser Forderung stehen die Arbeitnehmervertreter der Bauleute nicht alleine da; denn da ziehen alle Branchen an einem Strang.

Nachdenklich stimmten die Worte von Helmut Himmler, der vorrechnete, dass die Baubranche innerhalb weniger Jahre die Zahl ihrer Mitarbeiter halbiert hat, aber nach wie vor die gleichen Umsätze tätigt. Wohl hätten hochmoderne Maschinen erhebliche Arbeitserleichterungen geschaffen, aber unterm Strich sei doch eine Mehrbelastung der Beschäftigten herausgekommen. Und der Einfluss des Wetters sei stets gleich geblieben.

"Bei 40 Grad Sommerhitze eine 200 Grad heiße Teerschicht aufzutragen, ist kein Honiglecken", gab Michael Meyer zu bedenken. Deshalb sei die Forderung nach einer Verrentung erst mit 67 ein Unding. So berichtete er von einem Kollegen, der mit 58 noch groß tönte, bis 65 arbeiten zu wollen. Zwei Jahre später war er mit seinen Kräften am Ende. Andere, die auf Baustellen fern der Familie eingesetzt sind, verkraften die Trennung nicht und sind vor 65 psychisch ruiniert.

Die jungen Kollegen würden sich noch wenig Kopfzerbrechen über den Einstieg ins Rentenalter machen, aber die zwischen 48 und 55 werden von oft von Zukunftsängsten geplagt, berichteten die drei Betriebsräte übereinstimmend.

Was den Berufsnachwuchs angeht, sind die Betriebsräte recht zufrieden. Bei Bögl haben 56 Auszubildende einen Vertrag unterzeichnet, wobei sie mit einer Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis nach der Lehrzeit rechnen, was bei der Firma Klebl schon von vorne herein einkalkuliert wird. "Die jungen Leute, die wir ausbilden, wollen wir auch behalten", sagte Wolfgang Roider.

Deshalb würde schon bei der Auswahl der Azubis ein strenger Maßstab angelegt. Gute Noten alleine genügen heutzutage nicht mehr; das Minimum ist ein "Quali", noch besser "Mittlere Reife". Bei Bögl ist sogar noch eine Fremdsprache wünschenswert, weil das "mittelständische Unternehmen" (wie Betriebsrat Josef Brandl den weltweit agierenden Konzern mit 5.500 Beschäftigten, davon rund 4.000 am Standort Neumarkt, in aller Bescheidenheit apostrophierte) auch seine Mitarbeiter für Auslandseinsätze heranzieht.

So brachten alle Betriebsräte großes Verständnis dafür auf, dass die Personalleitungen ihrer Unternehmen bei der Auswahl der Azubis eine gewisse "Messlatte" anlegen.

Andere Themen, die noch auf der Tagesordnung standen, brauchten nur kurz gestreift zu werden, weil sie für die Neumarkter Großbetriebe nicht von Belang sind, so die Winterarbeit, der Mindestlohn, die Scheinselbständigkeit.

Aber andernorts sind bemerkenswerte Auffälligkeiten zu verzeichnen, wie Gewerkschaftssekretär Reinhard Peter in die Debatte warf. Ein Fertigteilwerk im Baustoffbereich arbeite zu 50 Prozent mit Leiharbeitern. Diesen Leiharbeitern würde vorgegaukelt, irgendwann wieder im "Ersten Arbeitsmarkt" Fuß zu fassen – für die meisten von ihnen aber oft nur ein leeres Versprechen.

Zum Ende der Debatte nahmen dann Gewerkschafter und Betriebsräte die beiden Kandidaten doch noch in die Pflicht. Den künftigen Bezirksrat Helmut Himmler baten sie, bei der Renovierung der Bezirkseinrichtungen (beschlussmäßig) kräftig mit anzuschieben und die Landtagsabgeordnete in spe Carolin Braun die maroden Staatsstraßen aufzumöbeln.
Erich Zwick
18.09.08
Neumarkt: "Mehr Nettolohn"
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