Gedanken zum Karfreitag

Von Dekan Monsignore Richard Distler

"Popule meus, quid feci tibi? Mein Volk, was hab ich dir getan? Antworte mir!" So singt der Chor bei der Kreuzverehrung am Karfreitag. Da stellt Christus vom Kreuz herab im Namen Gottes jedem Menschen und dem ganzen Volk Gottes die Frage: "Der Heiden Macht entriss ich dich und führte dich durch 40 Jahr, hab dich als Weinberg angepflanzt und nährte in der Wüste dich, ich gab dir Land, doch grausam schlägt mich deine Hand. O du mein Volk, was tat ich dir, betrübt ich dich? Antworte mir!" Was wird unsere, was wird meine Antwort am Karfreitag sein?

Vielleicht vergessen wir allzu sehr, was Gott und was Jesus für jeden von uns getan hat? "Durch das Kreuz hat Gott die Welt mit sich versöhnt und Frieden gestiftet unter den Menschen", so schreibt der heilige Paulus. Aber was ist die Antwort des Menschen? Streit und Hass gehen weiter. Krieg und Terror auch heute. Was ist nicht schon alles in Syrien passiert? Die Bilder von halbverhungerten Menschen aus Horms und Aleppo oder von verwahrlosten Straßenkindern aus der Ukraine sind erschütternd. Viele schauen hilflos zu. Der Karfreitag des Christus am Kreuz scheint sich in nicht wenigen Menschen heute zu wiederholen. Die Frage: Mein Volk, was tat ich dir, stellt der gekreuzigte Welterlöser deshalb an die ganze Menschheit. Müssen da nicht zumindest das Kreuz und die Kreuze in unseren Schulzimmern, Amtsstuben, an den Wegrändern und Berggipfeln stehen bleiben zur dauernden Mahnung an die Gekreuzigten und Gemarterten von heute? Auch zur Mahnung an das Leid derer, die in unseren Kliniken, Altenheimen und Sterbehäusern oder in zerrütteten Ehen und Familien auf der Schattenseite des Lebens stehen?

Vor allem aber ist der Karfreitag jener dunkle Tag, wo Gott selber uns dunkel erscheint, wenn Jesus in seiner Agonie ruft: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Da spürt selbst der Gottesssohn die Gottesfinsternis und die Gottesferne, die manchem modernen Menschen gar nicht so fremd ist. Dennoch hat für mich der Karfreitag viel Hoffnungsvolles an sich. Wenn schon der Welterlöser den Tod annimmt, dann ist der Karfreitag der Tag, an dem die ganze Menschheit zwar am Nullpunkt angekommen ist, ähnlich wie unser deutsches Volk im Jahr 1945.

Doch gerade die Stunde Null ist das Einbruchstor Gottes. Denn Gott ist noch lange nicht am Ende, wenn wir am Ende sind. Da mobilisiert er sämtliche Kräfte, die er zur Verfügung hat. Da mobilisiert er gar das Liebste, was er hat, den eigenen Sohn. Da steigt Christus in die schlimmsten Grausamkeiten und in die dunkelsten Abgründe des menschlichen Daseins. Er steigt hinab in unsere tiefste Gottverlassenheit, Gottesferne und Gottesfinsternis. Aber warum tut er das? Er tut dies, um uns, die Heruntergekommenen, nach oben zu ziehen. Auf den Ikonen der Ostkirche befreit er Adam und Eva, stellvertretend für die ganze Menschheit von den "Fesseln des Todes und der Unterwelt", nimmt sie liebevoll an der Hand und führt sie zum Licht, zum Leben, zur Auferstehung. Ob wir wohl noch staunen können über dieses furchtbare Drama der Erlösung? Können wir noch darüber staunen, "dass Gott sosehr die Welt geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn für uns hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben habe", wie der Evangelist Johannes sinniert?

Den Karfreitag feiern hat aber auch noch eine weitere Konsequenz. Es heißt, in die Hingabe des Sohnes, des Christus eintreten. Solche Hingabe ist in der katholischen Messe bei jeder Gabenbereitung gefordert. Sie passiert aber auch in der Liebe zum Nächsten, zu den Hungernden und Leidenden dieser Welt oder in der nächsten Umgebung. Den Eintritt in die Hingabe des Sohnes, des Christus, vollziehen Eltern, die alles für ihre Kinder tun. Unzählige Märtyrer der Kirche haben diese Hingabe vollzogen. Oder auch in unseren Tagen zum Beispiel der Jesuitenpater Franz van der Lugt, der erst vorige Woche in der syrischen Bürgerkriegsstadt Horms feige ermordet wurde. Ein vermummter Rebellenkämpfer zerrte ihn aus dem Haus und tötete ihn mit zwei Kopfschüssen. Der Priester wurde von Christen wie Muslimen gleichermaßen geachtet, weil er sich vor allem um die Menschen mit Behinderung annahm. Zum Schluss harrte er wie ein guter Hirte mit den noch wenigen christlichen Familien aus und gab auf seine Weise durch sein Lebensopfer dem Herrn am Kreuz eine Antwort auf dessen Frage: "Mein Volk, was hab ich dir getan, womit habe ich dich betrübt? Antworte mir!"
17.04.14
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