Mehr Freiheiten und mehr Beobachtung

 

NEUMARKT. In der Hauptschule an der Weinbergerstraße gehen seit dem Beginn des neuen Schuljahres die Uhren etwas anders: Mehr Freiheiten, mehr Kompetenzen, aber auch mehr Beobachtung erfahren Schulleitung, Lehrer aber auch Schüler, seitdem die Schule zu den 22 Modellschulen von „Modus 21“ gehört. Das Modellprojekt wurde jetzt von Kultusministerin Hohlmeier vorgestellt.

 

Das Schuljahr 2002/03 startet in Bayern mit einem deutschlandweit einmaligen Projekt des Kultusministeriums und der Stiftung Bildungspakt Bayern: "MODUS 21 - Modell Unternehmen Schule im 21. Jahrhundert - Schule in Verantwortung".
22 Schulen verschiedener Schularten erproben mit Beginn des Schuljahres, wieviel Eigenständigkeit auf der einen Seite und wieviel zentral vorgegebene Standards auf der andere Seite Schulen benötigen, um die Qualität von Unterricht und Erziehung zu steigern. "Wir entlassen nicht wie Nordrhein-Westfalen hunderte von Schulen über Nacht in die absolute Freiheit. Damit sind die meisten Schulen überfordert und zudem leidet die Qualität. Deshalb haben wir 22 Pilotschulen ausgesucht, die sich bereits seit Jahren in der Inneren Schulentwicklung profiliert haben. Stellvertretend für alle Schulen loten sie gemeinsam mit der Schulverwaltung und der Schulaufsicht aus, wie der Qualitätsprozess in ihren Schulen selbstständig und eigenverantwortlich ausgebaut werden kann", sagte Hohlmeier am Montag auf der traditionellen Jahrespressekonferenz zum Schuljahresbeginn in München. Dieser Ansatz sei deutschlandweit einmalig. Der Modellversuch ist auf fünf Jahre angelegt und soll jedes Schuljahr sukzessive ausgeweitet werden.

Das Projekt eröffnet den Schulen eine ganz neue Gestaltungsfreiheit von Unterricht und Schule. Auch für das Kultusministerium heißt es neue Wege zu gehen, denn die Modus-Schulen erhalten die Möglichkeit, über die bestehenden Richtlinien hinaus ihr Schulleben zu gestalten. Die Vorbereitungen zu dem Schulversuch laufen bereits seit einem Jahr. Hohlmeier: "PISA hat uns darin bestätigt, diesen Weg konsequent zu verfolgen. Denn ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass Schulen, denen man Verantwortung überträgt und die Verantwortung übernehmen, langfristig bessere fachliche und pädagogische Leistungen erzielen."

Mit einem Mehr an Selbstständigkeit geht auch ein Mehr an Evaluation einher. Diese übernehmen hochkarätige Wissenschaftler der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und des Staatsinstituts für Schulpädagogik und Bildungsforschung, die die Schulen auf ihrem Weg begleiten. Sie werden feststellen, welche Verbesserungsmaßnahmen erfolgreich sind und welche nicht. Es besteht ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch.

Die Modus-Schulen haben vier Arbeitsfelder vor sich:
1. Qualität von Unterricht und Erziehung
2. Personalmanagement und Personalführung
3. Inner- und außerschulische Partnerschaften
4. Sachmittelverantwortung

Mit Beginn des Schuljahres können sich die Schulen zwei der vier Arbeitsfelder aussuchen, wobei der Bereich Qualität von Unterricht und Erziehung Pflicht ist. "Die Qualitätssteigerung ist der zentrale Punkt des Modellprojektes", erklärte Hohlmeier.

In der Praxis heißt das für die Schulen, dass sie die Stundentafel flexibilisieren können. Beispiel: Zeigen die Schüler einer Klasse in Mathematik erhebliche Schwächen, kann die Schule selbst entscheiden, vorübergehend mehr Mathematik-Unterricht zu erteilen, dafür in einem anderen Fach den Unterricht zu kürzen.
Die Modus-Schulen können auch individuelle Lerngruppen bilden, um einzelne Schüler gezielt zu fördern. Welcher Schüler welche Fördermaßnahme benötigt, entscheidet der Lehrer. Modus 21 stärkt also auch die Professionalität der Lehrkräfte.
Neue Leistungsmessungen und Prüfungsmethoden ermöglichen die stärkere Benotung von Schlüsselqualifikationen, wie zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit, Problemlösefähigkeit sowie von praxisorientierter Arbeit im Team.

Die Modus-Schulen können den 45-Minuten-Takt zugunsten größerer thematischer Blöcke auflösen. Beispiel: Eine Klasse arbeitet eine Woche lang am übergeordneten Thema "Wasser" und beleuchtet es aus der Perspektive der Fächer Biologie, Kunst, Musik, Fremdsprachen und Physik. "So verstehen Schülerinnen und Schüler Zusammenhänge besser und kommen weg vom Schubladendenken in einzelnen Fächern", betonte Hohlmeier.
Die Modus-Schulen können in Absprache mit ihrer Kommune selbstständig über ihr Sachmittelbudget entscheiden. Beispiel: Die Schule kann Spenden von Eltern oder sonstigen Institutionen und Fördervereinen gemeinsam mit dem Budget der Kommunen in einen Finanztopf stecken und je nach Priorität zuerst den Chemie- oder Physiksaal technisch besser ausstatten, eine Schulcafeteria einrichten oder die Deckenbeleuchtung erneuern.
Nachgedacht wird auch über Möglichkeiten, den Übergang von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen neu zu gestalten. So werden z.B. Lehrer der vierten und fünften Klasse im Tandem zusammenarbeiten und die Kinder auf ihrem Weg begleiten.

"Voraussetzung bei aller Entscheidungsfreiheit ist jedoch, dass die Maßnahmen in enger Absprache mit den Eltern und der Kommune getroffen werden. Modus 21 dient auch dazu, eine neue Schulkultur zu etablieren und auch die Eltern stärker in die Verantwortung zu nehmen", erklärte die Ministerin. Hohlmeier dankte in diesem Zusammenhang den Kommunen für ihre Offenheit und Kooperation, ebenso dem Verband der Bayerischen Wirtschaft (vbw) für die tatkräftige Unterstützung. Diese geschieht dezentral beispielsweise durch die regionalen Studienkreise Schule-Wirtschaft und durch die regionalen vbw-Geschäftsführer. Sie helfen bei der Suche nach Partnerunternehmen, laden Schulleiter und Projektverantwortliche zu einem eigens konzipierten Führungstraining ein und beraten die Schulen bei der Verwaltung ihres Sachmittelhaushaltes.

Die Modus-Schulen werden finanziell - je nach Größe der Schule - von der Stiftung Bildungspakt Bayern mit 4000 bis 8000 Euro pro Schuljahr unterstützt. Das Kultusministerium stellt den Schulen Anrechnungsstunden zur Verfügung, die Schulen bekommen also mehr Lehrerstunden. Zudem wurde im Kultusministerium eigens eine Clearingstelle geschaffen, damit die Schulen eine kontinuierliche Begleitung erfahren und jederzeit eine Ansprechpartnerin vorfinden.

"Ich bin mir sicher, dass wir mit Modus 21 die Balance zwischen dringend notwendiger Innovation und dem Erhalt des Bewährten finden werden. Ich wünsche allen Modus-Schulen Mut und Schwung bei der Umsetzung guter Ideen", sagte Hohlmeier.

Links zum Thema:
Mehr Informationen auf der Website der Stiftung "Bildungspakt Bayern"
Koordinatorin "MODUS21"

 


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