Neuer "Kaiser"


Schon am 11.11. letzten Jahres mute Brgermeisterin Carolin Braun die Stadtschlssel herausrcken
Foto: Stadt Dietfurt
NEUMARKT. Seit dem 19. Jahrhundert gelten die Dietfurter als die "Chinesen Bayerns". Am Donnerstag nchster Woche erleben die Besucher, warum das so ist. Und heuer gibt es noch einen ganz besonderen Grund um ausgelassen zu feiern: Ein Brennstoffhndler ist neuer Kaiser und besteigt in diesem Jahr erstmals den Thron.

364 Tage im Jahr regiert in der 6.000-Einwohner-Stadt Dietfurt die Beschaulichkeit. Dann erfreuen sich die Touristen am siebenstimmigen Glockengelut der Stadtpfarrkirche St. gidius, bestaunen die barocke Wallfahrtskirche und das Franziskanerkloster. Einmal im Jahr jedoch - stets von langer Hand geplant - versetzt eine "Revolution" das oberpflzische Kleinod in Ausnahmezustand: Dann wird aus dem Erholungsort im Altmhltal fr einen Tag ein Teil des mehr als zehn Flugstunden entfernten Reichs der Mitte.


Immer am letzten Donnerstag in der Faschingszeit verwandelt sich die Stadt in "Bayerns Chinatown". Tausende Besucher aus ganz Deutschland werden sich auch in diesem Jahr am 4. Februar die chinesische Invasion ins bayerische Kernland nicht entgehen lassen. Das Jahr 2016 wird als Zeitenwende in die Geschichte des "Chinesenfaschings" eingehen: Nach dem Ende der 15jhrigen Regentschaft seines Vorgngers Ko-Houang-Di wird der neue Kaiser Fu-Gao-Di erstmals den Thron besteigen.

Vom Rathaussessel bis zur Mllabfuhr, vom Restaurant bis zum Supermarkt - alles ist fest in chinesischer Hand. Dietfurts Brger, ob gro, ob klein, schlpfen in chinesische Tracht, stecken sich China-Zpfe ins Haar und die Drogerie mit der gelben Hautschminke hat Hochkonjunktur.

Ein Kuriosum in Bayern - der Chinesenfasching in Dietfurt. Eine Anekdote erzhlt den Ursprung des verrckten Treibens, das den Dietfurtern den Titel "Bayerische Chinesen" einbrachte. Demnach soll irgendwann in der Stadtgeschichte der Steuereintreiber des Bischofs in das Stdtchen gereist sein, um hhere Abgaben einzutreiben. Die Nachricht vom Besuch gelangte aber vor dem Steuereintreiber in die Stadt. Die Brger verbarrikadierten die Tore und der Gesandte des Bischofs musste ohne Geld abziehen. Seinem Bischof erzhlte er dann: Die verstecken sich hinter ihrer Mauer wie die Chinesen.

Ob die Erzhlung stimmt, wei auch in Dietfurt keiner so genau. Verbrgt ist aber ein Kalender von 1860 und eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Jahr 1869, wo bereits damals die Dietfurter als Chinesen bezeichnet wurden und von einem Chinesen-Viertel die Rede ist. Der Grundstein fr die Faschingstradition wurde aber erst 1928 gelegt, als die Stadtkapelle erstmals in China-Gewndern auftrat.

Schnell hat der Ruf vom Chinesenfasching weite Kreise gezogen - quer durch Bayern und ganz Deutschland. "Diplomatische Abordnungen" von Faschingshochburgen aus der ganzen Republik werden an der Proklamation des Kaisers Fu-Gao-Di teilnehmen und anschlieend begleitet vom vielstimmigen "Kiliwau" in den Straen der Stadt feiern.

Nichts bewegte den Ort seit der letzten Faschingssession mehr als die Frage: Wer wird heuer den "chinesischen Thron" in Dietfurt besteigen? Kaiser Ko-Houang-Di, der im richtigen Leben Fritz Koller heit, hatte angekndigt, nach 15 Jahren Regentschaft sein Zepter niederzulegen. Der Stadtrat beauftragte den dritten Brgermeister der Gemeinde, Brgermeister Bernd Mayr, hochoffiziell mit der Suche eines Nachfolgers.

Im November zeigte sich der neue Regent erstmals seinem Volk: Es ist der Bruder des bisherigen "Herrschers" Manfred Koller (wir berichteten). Er ist 47 Jahre alt und im echten Leben Brennstoffhndler. Von der Qualitten des neuen Monarchen ist Mayr berzeugt: "Manfred Koller ist der beste Kaiser, den wir uns vorstellen knnen", sagte er bei der offiziellen Vorstellung. Der Name des Regenten heit bersetzt so viel wie "glcksbringender groer Kaiser".

Die gemeinsame Reise der Dietfurter ins ferne China beginnt am "Unsinnigen Donnerstag" sehr frh: Bereits in den Morgenstunden zieht eine 30kpfige Meute mit viel "Lrm und Geschepper" kreuz und quer durch die Stadt. Auf ihrem Zug verknden sie mit einem schallenden Weckruf den Beginn des "chinesischen Nationalfeiertags" in der oberpflzischen Kleinstadt.

Mit etwa 15.000 Menschen rechnen die Organisatoren, wenn ab 13 Uhr auf der Bhne direkt auf dem Stadtplatz Akteure und Besucher dem Hhepunkt entgegen fiebern: dem legendren chinesischen Maskenzug, bei dem in diesem Jahr kurz nach 14 Uhr etwa 50 Gruppen und viele leibhaftige Chinesen bei der Kaiserkrnung Fu-Gao-Dis fr kurze Zeit "Chinatown" im Herzen Bayerns aufleben lassen.
28.01.16
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