100 Pferde und ein Minister


Mehr als 100 Pferde werden wieder erwartet

NEUMARKT. Den einst zweijhrigen Turnus seit dem Jahr 2007 beim Besuch des Berchinger Romarktes durchbricht Ministerprsident Seehofer auch heuer wieder. Er schickt am Mittwoch nchster Woche Finanzminister Dr. Markus Sder zum grten Wintervolksfest Bayerns in der mittelalterlichen Berchinger Altstadt.

Teilweise kommen die "Rosserer" mit ihren Pferden schon 30 Jahre und lnger nach Berching. Neben der Pferdeschau ist der Romarkt an diesem Tag der grte Kram- und Warenmarkt in Bayern. Etwa 300 Fieranten bieten ihre Produkte feil. Neben dem Kleintiermarkt mit Hhnern, Hasen, Tauben, den Rosswurststnden gibt es praktisch alles zu kaufen, was auf Mrkten gehandelt wird.

Pnktlich um 9 Uhr sollen die Pferde geschlossen auf den Marktplatz aufgetrieben werden.

Um 10.30 Uhr beginnt dann die Kundgebung mit Minister Markus Sder als "Zugpferd".


Jeweils am Mittwoch nach Lichtmess werden in der 1100jhrigen Stadt viele Pferde und Gespanne aufgetrieben und zur Schau gestellt. Zahllose Fieranten verwandeln das mittelalterliche Berching mit seinen 13 Trmen und vier Toren in einen riesigen Warenmarkt.

Pferde und Pferdemrkte haben in Berching eine jahrhundertealte Tradition. Als wirtschaftliches Zentrum des Sulzgaues war die Stadt seit dem Mittelalter ein bedeutender Marktplatz fr die Versorgung des buerlichen Hinterlandes. Das Marktrecht war Berching bereits vor 1245 verliehen worden. Seit alters her wurden hier Viehmrkte abgehalten, auf denen neben Ochsen, Rindern, Schweinen und Kleinvieh auch Pferde gehandelt wurden.

Welch bedeutende Rolle das Pferd im Leben der Vorfahren gespielt hat, zeigen zahlreiche Eintrge in den Berchinger Ratsprotokollen. Insbesondere auf eine gute Gesundheit der Tiere wurde von Amts wegen groer Wert gelegt. Zu diesem Zweck wurden schon vor mehr als 250 Jahren regelmige "Rossbeschauen" durchgefhrt.

Bereits in einer Ratssitzung vom 12. Jenner 1722 war folgendes beschlossen worden: Propst, Brgermeister und Rat waren demnach bereingekommen, zur Verhtung etwaiger Pferdeseuchen alle Pferde einmal jhrlich durch die aufgestellten Rossbeschauer tierrztlich kontrollieren zu lassen.

In den Niederschriften des Rates ist sogar noch ein wesentlich lterer Nachweis fr eine derartige Pferdebeschau zu finden. Unter der berschrift Rossgeschaw war bereits am 24. April 1678 vom Rat vereinbart worden,

Prominente Redner

NEUMARKT. Wer war eigentlich ranghchster Gast beim Berchinger Romarkt ?

Das war weder Franz Josef Strau (auch wenn er nach bayrischem Selbstverstndnis vielleicht der wichtigste Mann war...), und nicht einmal Bundeskanzler Helmut Kohl.

In der nicht offiziellen, aber seit vielen Jahrzehnten geltenden Protokollarischen Rangliste der Bundesrepublik Deutschland folgt dem Bundesprsidenten der Prsident des Bundestages - noch vor Kanzler oder Kanzlerin. Ranghchster Gast in Berching war also im Jahr 1983 der damalige Bundestagsprsident Richard Stcklen.

Die Rednerliste:
1964 Regierungsprsident Dr. Ernst Emmerig
1965 Regierungsprsident Dr. Rudolf Bickl
1967 Regierungsprsident Dr. Ernst Emmerig
1968 Staatsminister Otto Schedl
1970 Staatsminister fr Ernhrung, Landwirtschaft und Forsten Hans Eisemann
1971 Staatsminister fr Ernhrung, Landwirtschaft und Forsten Simon Nssel
1972 Prsident des Bayer. Bauernverbandes Freiherr von Heremann
1973 Franz Josef Strau
1974 Ministerprsident Dr. h. c. Alfons Goppel
1975 Franz Josef Strau
1976 MdB Dr. Aigner
1977 Franz Josef Strau
1978 Staatsminister Alfred Dick
1979 Stellv. Ministerprsident Karl Hillemeier
1980 Gerold Tandler
1981 Heinz Rosenbauer
1982 Ministerprsident Dr. h. c. Franz Josef Strau
1983 Bundestagsprsident Richard Stcklen
1984 Ministerprsident Dr. h. c. Franz Josef Strau
1985 Staatssekretr Dr. Edmund Stoiber
1986 Staatssekretr Simon Nssel
1987 Generalsekretr des Deutschen Bauernverbandes Dr. Schnieders
1988 Staatsminister des Innern August Lang
1989 Staatsminister fr Ernhrung, Landwirtschaft und Forsten Simon Nssel
1990 Ministerprsident Max Streibl
1991 Fraktionsvorsitzender Alois Glck
1992 Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel
1993 Staatssekretr Josef Miller
1994 Ministerprsident Dr. Edmund Stoiber
1995 Landwirtschaftsminister Reinhold Bocklet
1996 Staatssekretrin Monika Hohlmeier
1997 Bayer. Finanzminister Erwin Huber
1998 Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl
1999 Sozialministerin Barbara Stamm
2000 Innenminister Dr. Gnther Beckstein
2001 Umweltminister Dr. Werner Schnappauf
2002 Wirtschaftsminister Dr. Otto Wiesheu
2003 Ministerprsident Dr. Edmund Stoiber
2004 Landwirtschaftsminister Josef Miller
2005 Wissenschaftsminister Dr. Thomas Goppel
2006 Staatsminister Eberhard Sinner
2007 Bundesminister fr Landwirtschaft, Ernhrung und Verbraucherschutz Horst Seehofer
2008 Innenminister Joachim Herrmann
2009 Ministerprsident Horst Seehofer
2010 Staatsminister fr Umwelt und Gesundheit Dr. Markus Sder
2011 Ministerprsident Horst Seehofer
2012 Landtagsprsidentin Barbara Stamm.
2013 Ministerprsident Horst Seehofer
2014 Wirtschaftsministerin Ilse Aigner
2015 Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt
Als Lokalitt der Beschau wird der Blaz... vor der Frau Weillhammerin Haus genannt. Verantwortlich fr die Beschau waren wiederum die vom Magistrat gewhlten und vereidigten Rossgeschauer.

Sicherlich hat bei diesen Gelegenheiten das ein oder andere Pferd seinen Besitzer gewechselt. Dies war jedoch nicht der eigentliche Zweck der Veranstaltung. Bei der ungeheuer wichtigen Rolle, die Pferde damals in der Landwirtschaft und im Transportwesen spielten, htte ein jhrlich ein- oder zweimal stattfindender Rossmarkt niemals den Bedrfnissen gerecht werden knnen. Ein Bauer oder Fuhrmann brauchte bei Ausfall eines Pferdes sofortigen Ersatz. Pferde wurden zu dieser Zeit mit Sicherheit das ganze Jahr ber gehandelt - wie heutzutage Autos und Traktoren.

Der eigentliche Ursprung des heutigen Berchinger Rossmarkts ist erst viel spter zu suchen - im Jahr 1920. Am 5. Oktober dieses Jahres hatte der damalige Magistrat beschlossen, bei den zustndigen Behrden einen Antrag auf Abhaltung zweier "Pferde- und Fohlenmrkte" zu stellen. Neben einer Absatzfrderung fr die whrend des Ersten Weltkriegs stark ausweitete Pferdezucht in der Region drften dabei in erster Linie eigene wirtschaftliche Erwgungen im Vordergrund gestanden haben.

Ein berregionaler Markttag brachte zahlreiches und zahlungskrftiges Publikum in die Stadt - zum Nutzen der ansssigen Geschftswelt. Es sollten allerdings noch sechs Jahre ins Land gehen, ehe am 3. Febraur 1926 der erste "Berchinger Pferde- und Fohlenmarkt" stattfinden konnte. Im Unterschied zu heute handelte es sich damals um einen reinen Pferdemarkt.

Der Markt wurde von der Bevlkerung unerwartet gut aufgenommen und war auf Anhieb ein voller Erfolg. Nicht weniger als 341 Pferde waren damals aufgetrieben worden. Kein Wunder, dass fr das folgende Jahr wiederum ein Pferde- und Fohlenmarkt angesetzt und vom Rat um eine stndige Genehmigung fr einen jhrlichen Rossmarkt nachgesucht wurde.

Auch das seither bliche Datum - der Mittwoch nach Lichtmess - wurde damals festgelegt. Dieser Zeitpunkt am Ende der ereignis- und umsatzarmen Winterzeit und vor Beginn der Fastenzeit kam den schon erwhnten Interessen der Berchinger Geschftswelt entgegen. Darber hinaus befanden sich in den Tagen um Lichtmess zahlreiche Dienstknechte und Mgde auf Arbeitsuche in der Stadt. Ihre Dienstvertrge waren auf ein Jahr befristet und liefen traditionell an Lichtmess aus. Knechte und Mgde erhielten ihren Lohn ausbezahlt und konnten sich bei dieser Gelegenheit einen neuen Dienstherren suchen.

Von Seiten der Stadt wurde alles unternommen, um die Attraktivitt des Marktes zu steigern. Schon 1928 wurden kleine Geldpreise und Fahnen fr die grten Anbieter und Kufer ausgelobt. Fr 1930 wird ein Auftrieb von 288 Pferden gemeldet. Damals verlangte die Stadt je Tier 50 Pfennig Standgeld. Da die Geldpreise von den ansssigen Geschftsleuten mitgetragen wurden, waren die Unkosten fr die Stadt denkbar gering. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs fanden die Mrkte ohne Unterbrechung statt.

Mit dem Jahr 1947 wurden in Berching die Vieh- und Krammrkte und in der Folge auch der schon traditionell gewordene Rossmarkt wieder aufgenommen. Wie vor dem Krieg wurden kleine Preise ausgesetzt und die Pferdehndler strmten zahlreich in die Stadt.


Stelldichein in Berching beim Romarkt.
Nach einem erfolgreichen Start machten sich allerdings bald zunehmende Schwierigkeiten bemerkbar. Neben zweier Absagen wegen der grassierenden Maul- und Klauenseuche in den Jahren 1952 und 1966 machte die zunehmende Motorisierung in der Landwirtschaft dem Handel mit Pferden seit Ende der 50er Jahre schwer zu schaffen.

Seit Mitte der 60er Jahre war der Berchinger Pferde- und Fohlenmarkt wie zahlreiche andere Pferdemrkte in Bayern gar in seiner Existenz bedroht. Die Berchinger wollten "ihren" Rossmarkt auf keinen Fall aufgeben. Seit 1964/65 wird zeitgleich mit dem Pferdemarkt in Berching der groe "Bauernjahrtag im Westjura" veranstaltet. Zustzlich sollten hhere Prmien mehr Pferdebesitzer veranlassen den Romarkt zu beschicken.

Damit einher ging die Wandlung von einem Pferdemarkt zu einer "Pferdeschau" mit groem Warenmarkt. Statt der frher vorherrschenden Kaltblter wurden nun zustzlich Reitpferde und Ponys aufgetrieben und zur Schau gestellt. Gerettet war der Rossmarkt damit noch keinesfalls.

Erst Anfang der 70er Jahre nahm der Berchinger Pferdemarkt einen berraschenden Aufschwung. Statt wie in den Jahren zuvor nur noch 50 bis 60 Pferde konnten die Besucher nun immer hufiger 100 und mehr Rsser bestaunen. Die Zahl der Besucher addierte sich regelmig auf 20.000 bis 30.000.

Zum einen war es der Stadt gelungen, zugkrftige Politiker als Festredner zu gewinnen. Zum anderen drfte die grere Mobilitt, die auch weiter entfernten Pferdebesitzern die Mglichkeit gab und gibt, den Markt zu beschicken, dann das Aussterben anderer Pferdemrkte, eine wiedererwachte Sehnsucht nach der - vorautomobilen "guten alten Zeit" und der zunehmende Bekanntheitsgrad Berchings die Anziehungskraft des Rossmarkts gestrkt und sein berleben gesichert haben.

Wenngleich der Berchinger Rossmarkt erst 1926 eingefhrt wurde, kann dennoch von der Fortsetzung einer jahrhundertealten Pferdemarktgeschichte ausgegangen werden. Nimmt man den Rossmarkt in seiner heutigen Form als groe Pferdeschau, so ist gegen einen Rckgriff auf das Jahr 1722, ja sogar auf das Jahr 1678 wenig einzuwenden. Damals wie heute wurden die Pferde nicht in erster Linie verkauft sondern "beschaut" - wenn auch damals aus anderen Grnden.
27.01.16
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