"Die Klimakatastrophe"

Von Gabriele Bayer *

Es liegt einem fern, das Problem herunter zu spielen. Aber ein paar Gedanken möchte man sich schon machen dürfen. Über die wilde Aktivität und die hektischen Bemühungen zu diesem Thema.

Da sind einerseits die katastrophalen Prognosen, die sich nahtlos in das Krisenszenario der sogenannten Ölkrise und anderer zurückliegender Ereignisse einreihen. Bis meinetwegen zur Ansicht Kaiser Wilhelms: " Ich setze aufs Pferd, das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung!" Oder die Berechnung, dass bei weiterer Zunahme des Droschkenverkehrs in Berlin, der Pferdemist im Jahre X drei Meter hoch liegen würde.
Man kann auch an die paar schönen (und kalten!) Sonntage der siebziger Jahre zurückdenken, wo auf den tief verschneiten Straßen nur Fußgänger zu sehen waren, die sich zum Bahnhof bemühten. Es bestand ein allgemeines Fahrverbot.
Heute sind solche Erinnerungen eher Anekdoten der Weltgeschichte und reizen zum Schmunzeln.

Kaiser Wilhelm ist seit bald 100 Jahren nicht mehr im Amt, und auch die autofreien Sonntage liegen mehr als 30 Jahre zurück. - Was war? Was blieb? - Im Großen und Ganzen - nichts.

Vor 30 Jahren wurde ein schnelles Umsteuern in der Energiepolitik gefordert. Passiert ist nicht viel. - Möchte jemand widersprechen? Ja, ich weiß: Autos verbrauchen bei gleicher Leistung weniger Sprit. Aber es gibt viel mehr Autos mit wesentlich höherer Leistung, und insgesamt wird mehr Öl verbraucht.
Ich weiß auch: Kraftwerke arbeiten effektiver, aber der Energieverbrauch ist nicht geringer sondern größer als vor dreißig Jahren. Es ist wahr: durch den "Untergang" des Sozialismus wurden viele üble Dreckschleudern veralteter Industrien abgeschaltet. Aber es gibt natürlich auch das industrielle Wachstum. Hochgelobt und wichtig - mit mehr Verbrauch!
Ach, und in den 30 Jahren kam es dazu, dass die Bürger der ehemaligen Ostblockstaaten frei wurden, Konsum zu betreiben! Balsam für das System, Gift für den Verbrauch. Denn jetzt fahren die auch Mengen von Autos wie die im Westen, stauen sich auf den frisch ausgebauten Autobahnen, fliegen in Urlaub. Und dann - die Entwicklungsländer! _ Die Inder und Chinesen, die inzwischen keine wirklichen Entwicklungsländer mehr sind! Deren Produktion und Verbrauch wachsen in traumhafte Höhen, Wachstum überall! - Und Verbrauch von Energie und Rohstoffen. Verbrauch von Erdöl und Gas, von Rohstoffen aller Art.

Auch wenn wir dran glauben wollen, dass die Effektivität der Energieerzeugung und der Verwendung gestiegen ist, meinetwegen sogar deutlich, dann bleibt unter dem berühmten Strich ein Mehrverbrauch in ungemessenem Umfang. Was nun?

Nach irgendwelchen Studien der UNO bleiben uns noch 13 Jahre zum energischen Umsteuern, um die vollständige Katastrophe zu verhindern oder wenigstens erträglich (!!!) zu gestalten. Dreizehn Jahre (13), wo wir bereits 35 Jahre vergeigt haben. Verschwendet und herumgebracht mit endlosen und ergebnislosen Debatten darüber, ob, und wenn ja, dann wer zuerst, und wieviel, und mit welchen Förderungen und Subventionen, und wie, und ohne dass es weh tut, und mit Blick auf die jeweils nächste Wahl, und auf die Lobby der Industrie, und die Ölkonzerne, und die Arbeitsplätze, und das Wachstum, das heilige!
Für wie dämlich hält man uns denn eigentlich?
Ja, der Bürger ist bereit zum Handeln, lange schon! Er kauft bessere Heizkessel, isoliert die Fenster und Häuser, kauft sparsamere Autos, macht das Licht aus wenn er geht, kauft 'nen Katalysator und 'nen Dieselfilter, baut Solaranlagen und hofft, dass es was nützt.

Aaaber - wer fährt da die Rohstoffe und Halbfertigprodukte auf der Autobahn spazieren "just in time", in unzähligen LKW's, die alle hinten raus rußen und vorne verbrauchen? Wer pumpt immer mehr Öl in immer größere Tanker, damit der Durst (??) der Industrie gestillt werden kann? Wer bläst die Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre, gegen die jeder PKW ein Nichts produziert? Wer sorgt dafür, dass Fliegen einerseits als besonders klimaschädlich eingestuft wird, andererseits so billig ist wie nie? Damit auch diese Branche wachsen kann?
Wer veranlasst, dass wir jahrelang diskutieren, wie man der Bahn helfen könnte, wo wir doch genau wissen, dass sie das am wenigsten schädliche Verkehrsmittel ist? Wer plant statt der Unterstützung der Bahn den immer weiteren Ausbau des Autobahnnetzes? - Woraus wird Bitumen und Asphalt gemacht, und in Autobahnkilometer verwandelt?
Wer fährt Krabben zum Pulen von Norddeutschland nach Marokko, und Kartoffeln zum Schälen nach Sizilien. Wer gondelt mit den dicken LKW's mit Milch von Bayern nach Italien und mit Dosenmilch von Griechenland nach Hamburg? Wer braucht - verdammt noch mal - noch größere Laster, die dann noch breitere und tragfähigere Autobahnen und Straßen und Brücken brauchen?

Ver . . . können wir uns selber! Man kann eben nicht unbeschränktes Wachstum haben und dabei weniger verbrauchen, hat das schon mal jemand bemerkt?

Ach - die Arbeitsplätze, die durch das Wachstum entstehen oder gesichert werden sollen! Zum Kuckuck, das hört man seit mindestens dreißig Jahren, sehen Sie einen Erfolg? - Wirklich? - Weil durch den milden Winter die Bauleute nicht arbeitslos wurden? Und weil die Verbraucher es satt haben, und trotz allem einkaufen? Welche Ressourcen werden dadurch gespart? Aber Wachstum sichert doch die Arbeitsplätze!? - Nee, Leute, das sind Schaumblüten.

Es müssten neue Arbeitsplätze entstehen. Arbeitsplätze in nachhaltig wirtschaftender Industrie, in Umwelttechnik, in Reinigungstechniken, in der Produktion von langlebigen Gütern, in weniger (!!!) Wegwerf-Artikeln, in der Reparatur von Maschinen und Geräten, nicht im Wegschmeißen und neu Anschaffen!!!

Weniger produzieren, weniger verbrauchen, erhalten und schonen, verantwortlich mit Dingen umgehen! Es muss eine Ethik des Verbrauchens und des Konsumierens entstehen. Brauchen wir wirklich Erdbeeren im Januar, die mit dem Jumbo aus Südafrika hergeflogen werden? Müssen die Rosen für den Vatentinstag wirklich aus Kenia und Südamerika kommen? - Im Februar? Wie das wohl geht?
Das "Auslaufmodell" vom Vorjahr, ist das wirklich schlecht, das alte Auto, fährt es nicht auch? Müssen wir unbedingt mit zweihundert auf der Autobahn entlangrasen? Das Meeting in Hamburg, zu dem man fliegen muss weil es um zehn in der Früh beginnt, muss das sein? - Wirklich?
Tut es der alte Kühlschrank nicht noch? - Ja, der neue verbraucht 10% weniger. Aber er braucht erst mal 100% neues Material! Und Energie zur Herstellung. Aber natürlich fördert der neue das Wachstum! Brauchen wir wirklich den ganzen bunten Billig-Sch . . . , der unsere Müllkippen füllt? Damit das Wachstum der Verbrennungsanlagen passt?
Müssen wir uns im Urlaub zu Millionen auf die Autobahnen stürzen und wie die sprichwörtlichen Lemminge in die gleiche Richtung donnern? Um am Ziel zu bemerken, dass die Anderen alle auch da sind, und es wesentlich ruhiger und erholsamer zu Haus gewesen wäre? - Was natürlich dem Wachstum der Reisebranche entgegen stehen würde.
Da wird in der Presse gefeiert, dass die Preise für den Flug über den Nordatlantik sinken werden - und 80% Wachstum der Flugzahlen prognostiziert! - Wie bitte? War da nicht was mit der Schädigung der Atmosphäre? Bei jedem solchen Flug werden ein paar hundert Tonnen (!!!) Kerosin durch die Triebwerke gejagt! Das wird überwiegend zu CO², Kohlendioxid!
Die Fleisch-Industrie wächst! Auf Kosten der Regenwälder, wo dann Mais für das Futter der Rindviecher angebaut wird. Und die Landwirtschaft wächst! Wobei Methan in rauhen Mengen produziert wird, Treibhausgase aus dem A . . . einer überdimensionierten Viehhaltung! Mehrfach schlimmer als Kohlendioxid! Und Stickstoff aus dem Dünger, der zu Lachgas wird, sowie die Gülle statt des Mistes, was den Austoß von Ammoniak vervielfacht und auch den Treibhauseffekt verstärkt.
Nur weil der Verbraucher einfach "am billigsten" einkaufen will, und seinen Fleischkonsum dem allgemeinen Wachstum anzupassen wünscht?

Überall wächst es unter dem Jubel der BWL-Absolventen! Deren Horizont reicht anscheinend oft nicht wesentlich über den eigenen Gehaltszettel und die eigenen Ansprüche hinaus. Rausholen was geht!
Als Vorbilder dienen dann vielleicht irgend welche Acker-Männer, die das Wachstum des eigenen Einkommens prächtig zu managen verstehen. Und die zwar nicht landwirtschaftlich tätig sind, aber auch eine Menge Sch . . . machen. Und diese Sorte schafft es, die Aktienkurse zu beflügeln - wodurch? - sie schaffen Arbeitsplätze ab, was die Börse "honoriert"! - Hatten ich das wirklich so gehört? - Ja, am Tag drauf stand es auch in der Zeitung, ich habe mich nicht getäuscht.

So, und nun haben wir den Salat!!!
Da rechnet Einer vor oder nach, was der Klimawandel kosten wird! Milliarden über Milliarden! Man beachte! Das wird teuer, teurer als alles, was das Wachstum so einbringen könnte. - Und ich warte auf den Ruf: "Da muss der Staat eingreifen!" Denn die Kosten muss "natürlich" der Staat tragen, die Gewinne gehören den Aktionären ganz allein! Denn sie haben ja schließlich das Risiko getragen! - Wie bitte???
Ja, das sind doch Standortbedingungen! Und die müssen doch vom Staat . . . verdammt noch mal, reicht es eigentlich immer noch nicht???

Und auf der Gegenseite: Die Umwelt-Technik wird wachsen! Und dort werden Arbeitsplätze entstehen! Und man braucht Fachkräfte und findet sie nicht. Weil man nicht ausgebildet hat, das war ja zu teuer! Die Umwelt-Technik wird zum Job-Motor und wird in zehn Jahren den Maschinenbau und die Autoindustrie ablösen. Man glaubt es kaum. Was haben denn die "Sozialromantiker" und "Öko-Spinner" in den letzten 30 Jahren gepredigt?!

Hoffen wir also wieder mal darauf, dass die Welt es trotz allem schaffen wird. Trotz all dem, was ihr kurzsichtige und unverantwortliche Manager zumuten. Trotz des Wachstums an allen möglichen ungesunden Stellen. Vielleicht schafft es die alte Erde doch noch. Und vielleicht schaffen es auch genügend Menschen. Menschen, die einer ethischen Haltung den Vorzug geben, die verantwortlich handeln, denen der Profit nicht über alles geht. Menschen, die sich bescheiden können, und die sich an der Erde freuen können, und nicht nur an dem Fetisch des Wachstum auf dem eigenen Konto - auf Teufel komm raus!

Anscheinend stimmt es doch: " . . . werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann."

*Gabriele Bayer ist Sprecherin des Grünen-Ortsverbandes Postbauer-Heng
10.04.07
Neumarkt: "Die Klimakatastrophe"
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