Juristin für "Handlangerdienste"

NEUMARKT. Die Raiffeisenbank in Mühlhausen hat gerade noch die Kurve gekriegt, bevor die Betriebe des ehemaligen Unternehmers Klaus H. "den Bach runter gingen".

Eine mittelfränkische Sparkasse löste die Kredite ab und gehört nun den zu den Gläubigern des 42-Jährigen, der seit Montag wegen vorsätzlichen Bankrotts und anderer Delikte auf der Anklagebank des Landgerichts Nürnberg-Fürth sitzt (neumarktonline berichtete über den Prozessauftakt).

Den Vorsatz mag man ihm vielleicht gar nicht unterstellen - eher Fahrlässigkeit, wenn man seine ehemaligen Mitarbeiter näher unter die Lupe nimmt, wozu das Gericht am Mittwoch ausgiebig Gelegenheit hatte. Eine Art Schlüsselrolle spielte da eine "Juristin", die im Jahre 1996, damals im Alter von Dreißig, in die Firma eintrat und mit Handlangerarbeiten betraut war, die eine Kontoristin mit links hätte erledigen können. So gehörte zu ihrem "anspruchsvollen Aufgabengebiet" das Vorkontieren von Buchungsbelegen, die Lagerkontrolle anhand von Excellisten, der Einkauf von Büromaterial und - so nebenbei erwähnt - das Erstellen von Arbeitsverträgen und Korrespondenz mit Wirtschaftsprüfern.

Die Buchhaltung wurde extern erledigt; dazu übergab einmal im Monat die Juristin den Mitarbeitern der Steuerkanzlei die Unterlagen. "Prokura hatten Sie wohl nicht?", fragte der Vorsitzende Richter gleich zweimal die inzwischen 40-Jährige. Dies musste sie verneinen, aber eine Teilhaberschaft hätte ihr der Angeklagte angeboten, mit dem sie bis Mitte 2003 zusammenarbeitete und auch Geschäftsreisen nach Spanien unternahm.

Zur finanziellen Situation der drei Unternehmen des Angeklagten konnte sie lediglich das zitieren, was ihr früherer Chef ihr vorgejammert hätte: "Audi und VW leben davon, dass sie ihre Lieferanten schlecht bezahlen."

Der ehemalige Produktionsleiter der Firmen, die sich auf die Veredelung von Autoglas spezialisiert hatte, bekam lange nichts von der finanziellen Schieflage der Unternehmen mit. "Am Produktionsstandort Wappersdorf, wo Frontscheiben für den Audi A 3 einbaufertig gemacht wurden, war die Auftragslage nicht schlecht", berichtete der in Berching wohnhafte Ex-Mitarbeiter.

Erst als das Verpackungsmaterial für die auszuliefernden Autoscheiben ausgegangen war und keine Nachbestellung mehr vorgenommen wurde, kamen dem Produktionsleiter erste Zweifel. Bei seiner polizeilichen Vernehmung erinnerte er sich auch an einen "Turmbau von Babel".

"Was war denn das?", wollte der Vorsitzende wissen. Ganz einfach: da wurden bei der Inventur die Glasscheiben so geschickt neben- und übereinander gestapelt, dass das Nachzählen schier unmöglich war. Und die gemeldeten Zahlen wurden von der "Juristin" in ihre Excellisten übernommen, so dass nie ein Fehlbestand vorhanden war.

Die Verhandlung wird am 23. November mit weiteren Zeugen fortgesetzt.
Erich Zwick
15.11.06
Neumarkt: Juristin für "Handlangerdienste"
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