Vorauseilende Signalstörung

NEUMARKT. Die Bahn hat umgerüstet: In diesem Monat wurde das alte Neumarkter Stellwerk stillgelegt und dafür ein topmodernes in Fischbach in Betrieb genommen. Die Bahnsteig-Ansagen kommen nicht mehr vom hiesigen Schalterbeamten, sondern aus der fernen Landeshauptstadt und alles sollte besser werden: die Ansagen präziser, die Züge pünktlicher. Dachte die Bahn, doch dem Fahrgast kommen seine (berechtigten) Zweifel.

Er möchte am Montag (19. Dezember 05) mit der Regionalbahn um 11.32 von Neumarkt nach Forchheim bis Nürnberg mitfahren. Hinweis auf der längere Zeit außer Betrieb und nun wieder intakten Zuganzeigetafel: "5 Minuten später". So was ist man ja längst gewöhnt und regt einen nicht mehr sonderlich auf.

Dann die sonore Stimme aus München: "Wegen einer Signalstörung in Neumarkt verzögert sich die Ankunft des Nahverkehrszugs aus Nürnberg zur Rückfahrt nach Nürnberg um zehn Minuten." Der Zug läuft ein; wieder die Stimme: "Die Abfahrt verzögert sich wegen einer Signalstörung zwischen Neumarkt und Pölling." Aha, denkt sich der Reisende, jetzt ist die Bahn nicht nur in Neumarkt, sondern auch in Pölling gestört.

Der Reisende hat sich's bequem gemacht; dann die Stimme der Zugbegleiterin: "Die Abfahrt verzögert sich um vier Minuten." Woher sie das so genau weiß, wird ihr Geheimnis bleiben. Nach den prophezeiten vier Minuten steht der Zug immer noch. Sollte vielleicht ein Güterzug durch Gleis 1 Vorrang haben?, grübelt der nach dem Abfahrtspfiff Lauschende.

Endlich klappen die Türen zu, behäbig setzt sich der Zug in Bewegung. Im Kriechtempo erreicht er Pölling, wo angeblich der böse Wurm im Signal sitzen soll. Und da scheint er tatsächlich überwintern zu wollen. Rot grinst er vom Signalmast und hindert an der Weiterfahrt. Am Bahnsteig hantiert die Zugbegleiterin - früher hieß sie Schaffnerin - mit ihrem Handy herum (das gab's früher allerdings nicht) und führt gestenreich ein vermutlich superwichtiges Gespräch mit einem Obersignalaufpasser in München oder Fischbach (ist ja eigentlich auch Wurscht, im Zeitalter der Globalisierung hätte der auch am Strand von Maspalomas residieren können) und bedeutet - trotz Dauer-Rot - ihrem Steuermann (das ist der, der vorne sitzt, wenn die Lok hinten anschiebt) entgegen den Vorschriften weiterzufahren.

Der riskiert's sogar, aber so in der Höhe des Golfplatzes Herrenhof hatte sich - sonst unbemerkt von den Fahrgästen - wieder so ein rotes Signal in den Weg gestellt, und prompt hält der brave Lokführer (der er ja gar nicht ist, wie eben erwähnt) vor dem stählernen Aufpasser an. Nachdem das DB-Fräulein noch ein paar Fahrausweise (früher Fahrkarten) kontrolliert hat, entschwindet es in sein Dienstabteil, aus dem es sich nach einiger Zeit mit besänftigender Stimme meldet: "Die Weiterfahrt des Zuges verzögert sich wegen einer Signalstörung in Oberferrieden auf unbestimmte Zeit. Wenn ich was Näheres weiß, lasse ich Sie das wissen."

Eine sehr beruhigende Nachricht, aus der der Reisende die Erkenntnis zieht, dass die Signalstörung inzwischen dem Zug vorauseilt. War sie erst nur auf Neumarkt begrenzt, hüpfte sie dann nach Pölling und jetzt gleich nach Oberferrieden. Da musste sich doch Postbauer-Heng total zurückgesetzt fühlen.

Ehe man überlegen kann, wie man diese Mißachtung der neuen Marktgemeinde deren Oberhaupt schonend beibringen könnte, tut's einen unvermuteten Rucker und die schöne Winterlandschaft zieht wieder im Zeitlupentempo an einem vorbei. 28 Minuten nach planmäßiger Abfahrt ist Schlag Zwölf der dreigleisige Bahnhof Postbauer-Heng erreicht.

Das "dreigleisig" ist deshalb wichtig, weil exakt (aber nur nach Fahrplan) 12.01 Uhr der Regionalexpress von München nach Nürnberg in Neumarkt abfährt, und der hier eine Chance gehabt hätte, den Bummelzug zu überholen. Damit hatten offenbar auch die Oberweichensteller der Bahn schon spekuliert, weil sie die ohnehin schon heillos verspätete Regionalbahn noch einmal zehn Minuten stehen lassen. Endlich - kein überholender Regionalexpress, der Öl auf das Zornesfeuer der ungeduldigen Fahrgäste geschüttet hätte - ein Weiterkriechen nach Oberferrieden, dem vermeintlichen Endpunkt des gnadenlosen Signalkillers.

Denkste! Ab jetzt kommt das nächste Wintermärchen der Bahn: "Bis zum nächsten Bahnhof müssen wir mit verminderter Geschwindigkeit fahren." Von wegen "verminderter Geschwindigkeit": Wenn nicht Schnee gelegen hätte, wäre man geneigt gewesen, auszusteigen und Blümchen zu pflücken. Zwischen Burgthann und Ochenbruck hat dann der Lokführer doch noch kurzzeitig an der Geschwindigkeitskurbel gedreht. Aber die Zehntelsekunden, die er da geschunden hat, gehen minutenweise in Ochenbruck wieder flöten. Wahrscheinlich wollte man hier galant sein und den längst im Nacken sitzenden Regionalexpress mit einer ehrfürchtigen Verbeugung passieren lassen. Aber er lässt sich weit und breit nicht blicken. Schon beinahe peinlich berührt von der Weiterfahrt, kündigt sich doch noch Feucht an (sollte man hier auf die S-Bahn umsteigen?). Auch hier wieder "Überholgelegenheit", die jedoch ein massiger Güterzug in Wartestellung am Nebengleis vermasselt. Also muss der Bummelzug auf Trab gebracht werden; keine 20 Sekunden zum Ein- und Aussteigen und im Schweinsgalopp über holpernde Weichen hinweg und vorbei an Dauergrün-Signalen dem Nürnberger Hauptbahnhof entgegen. Die planmäßige Ankunft wäre um 12.08 Uhr gewesen; aufgrund der "minimalen Verspätung" ist es 12.43 Uhr.

So eine knappe halbe Stunde nimmt man doch gern in Kauf. Die Bahn übrigens auch. Sie lässt das Züglein, das bis Forchheim hätte fahren sollen, kurzerhand in Nürnberg enden. So hat eine Verspätung auch ihre guten Seiten - zumindest für die Bahn.
Erich Zwick
19.12.05
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