„Von Erwerbsarmut bedroht“


Wegen niedriger Einkommen sind viele Menschen auf Zusatzeinkünfte – wie hier aufs Pfand-Sammeln – angewiesen
Foto: NGG
NEUMARKT. Arm trotz Arbeit: ein großer Teil der 20.800 Menschen, die im Landkreis Neumarkt nur einen Teilzeit- oder Minijob haben, ist nach Einschätzung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) von Erwerbsarmut bedroht – auch weil immer weniger Firmen in der Region nach Tarif zahlen.

„Insbesondere Frauen, die halbtags oder nur einzelne Tage in der Woche arbeiten, fehlt am Monatsende das nötige Geld, hieß es.

Für viele Familien im Landkreis Neumarkt sei ein Kinobesuch oder ein neuer Schulranzen längst zum Luxus geworden, sagte Gewerkschafts-Sprecherin Regina Schleser mit Blick auf aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts. Danach ist jeder achte Haushalt (12,7 Prozent) im Regierungsbezirk Oberpfalz armutsgefährdet. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat.


Schleser warnt vor einer „Schieflage in der Gesellschaft und am Arbeitsmarkt“. Es könne nicht sein, dass sich Tausende nötige Dinge des Alltags nicht mehr leisten könnten. Dafür hätten auch die Arbeitgeber eine Mitverantwortung. „Wer sich um Tarifverträge drückt und auf prekäre Jobs statt Vollzeitstellen setzt, der sorgt für magere Lohnzettel“, kritisiert die NGG-Geschäftsführerin.

So komme eine Teilzeitkraft, die 25 Wochenstunden in einer Bäckerei oder Metzgerei arbeitet, die nicht nach Tarif zahlt, auf einen Verdienst von durchschnittlich rund 1000 Euro brutto im Monat. Die Armutsgrenze für eine Familie mit zwei Kindern liegt nach amtlicher Definition dagegen bei aktuell 2174 Euro pro Monat – netto.

„Längst nicht nur Alleinerziehende, sondern zunehmend auch Doppelverdiener haben Schwierigkeiten, über diese Grenze zu kommen. Die Leidtragenden sind oft die Kinder“, so Schleser. Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands stehen den ärmsten zehn Prozent der Paarhaushalte lediglich 44 Euro monatlich pro Kind für Freizeit, Sport und Kultur zur Verfügung. Bei einer durchschnittlichen Familie sind es 123 Euro, bei den reichsten zehn Prozent 257 Euro.

Die Gewerkschaft rief Betriebe in der Region dazu auf, sich zu tariflichen Standards und vollwertigen Arbeitsplätzen zu bekennen. Nur so könne Armut „an der Wurzel gepackt“ werden. Aber auch die Politik sei viel stärker gefordert. „Das neue Bildungs- und Teilhabegesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung, reicht aber nicht“, sagte Schleser. Nach dem Gesetz gibt es für Kinder in Hartz-IV-Familien und Geringverdiener-Haushalten seit August einen Zuschuss von 150 Euro pro Schuljahr – etwa für Bücher oder Lernsoftware. Bisher waren es 100 Euro. Wer Wohngeld oder Kinderzuschlag bezieht, ist von Kita-Gebühren befreit.
25.09.19
Neumarkt: „Von Erwerbsarmut bedroht“
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