Mehr Freiheit ermöglichen


Fernseher hinter Glas: Ralph Bärthlein und Dieter Reimers im Wurzhof
Foto: Rummelsberger Diakonie
NEUMARKT. Ein neues Zimmerkonzept soll den Bewohnern der Behinderteneinrichtung am Wurzhof bei Postbauer-Heng mehr Freiheit ermöglichen.

Die Einrichtung der Rummelsberger Diakonie hat sich für den sogenannten „Werdenfelser Weg“ entschieden und verzichtet damit auf "freiheitsentziehende Maßnahme" so weit, "wie das menschlich und fachlich vertretbar ist".

Das Zimmer ist schön geworden. Bett, Regal und Nachttisch aus hellem Holz, ebenso die Wandvertäfelung. CDs des Schlagersängers Roland Kaiser liegen auf dem Nachttisch und sein Bild hängt an der Wand. Dieter Reimers hat es sich gemütlich gemacht in seinem neu eingerichteten und komplett renovierten Zuhause. Für zwei Bewohner-Zimmer wurden in den vergangenen Monaten Konzepte für eine heilpädagogische Zimmergestaltung entwickelt und diese mit Einzel-Spenden in Höhe von rund 12.000 Euro umgesetzt. Die Idee dahinter: „Wer sich wohl und sicher fühlt, ist entspannter und gefährliche Verhaltensweisen wie Selbstverletzungen oder Weglaufen werden weniger“, sagt Ralph Bärthlein vom Fachdienst.


Und es funktioniert nach Angaben der Diakonie: Dieter Reimers lebt seit sechs Jahren am Wurzhof, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. „Wenn ich aus der Werkstatt nach Hause komme, gehe ich jetzt gerne in mein Zimmer“, erzählt er. Er hört Schlager und schaut sich seine Lieblingsserie „Alf“ an. Als der 40jährige Mann seinen Fernseher und seine Musikanlage zeigt, sind sie hinter Glas verschlossen. „So kann Dieter Reimers einen eigenen Fernseher haben, ohne dass er die Geräte kaputt macht“, sagte Heilpädagoge Bärthlein. Seit vier Wochen lebt Dieter Reimers in dem neu eingerichteten Raum.

Vor der Renovierung waren die Wände mit Stiften beschmiert, die Möbel beschädigt. „Da war ich nicht gerne hier“, sagt Dieter Reimers. Also war er ständig im Haus oder im Hof unterwegs und nutzte sein Zimmer nur zum Schlafen. Neben Dieter Reimers bekam ein weiterer Bewohner neue Möbel. Knapp 12.000 Euro kostete es, beide Zimmer an die speziellen Bedürfnisse der Bewohner anzupassen. Wie die meisten Frauen und Männer, die am Wurzhof leben, haben beide sehr hohe und besondere Bedarfe. Sie neigen zum Beispiel zu Selbstverletzungen und können ihre Emotionen und Handlungen schwer regulieren.

Einrichtungen haben verschiedene Möglichkeiten, auf das selbstgefährdende Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner zu reagieren. Der Wurzhof der Rummelsberger Diakonie hat sich für den „Werdenfelser Weg“ entschieden. „Wir sind seit 2015 nach den Werdenfelser Werten zertifiziert“, sagt Einrichtungsleiter Uwe Niederlich. Damit habe sich die Einrichtung freiwillig verpflichtet, auf Bettgitter, Bauchgurte oder Vorsatztische an Rollstühlen als freiheitsentziehende Maßnahme gegenüber den Bewohnern so weit zu verzichten, wie das menschlich und fachlich vertretbar sei. Außerdem werde der Einsatz von bestimmten Medikamenten, wie zum Beispiel ruhigstellende Psychopharmaka, wenn möglich reduziert, sagte Ralph Bärthlein vom Fachdienst.

Der Wurzhof ist die einzige Einrichtung im Landkreis Neumarkt, die sich diesen strengen Regeln unterworfen hat. Ralph Bärthlein ist der Meinung, dass sich in der Arbeit mit alten Menschen und Menschen mit einer Behinderung noch einiges ändern müsse. „Es kann nicht sein, dass die Leute weggesperrt oder mit Medikamenten ruhig gestellt werden“, ärgert sich der Heilpädagoge.

Aber Bärthlein weiß auch, dass das nicht immer einfach ist. „Wenn wir ohne diese Maßnahmen auskommen wollen, müssen wir in unserer Arbeit kreativer werden.“ Und dieser Herausforderung stellt er sich gerne. Dazu gehört auch, mit den Bewohnern Kompromisse auszuhandeln. Denn natürlich wäre es Dieter Reimers lieber, wenn sein Fernseher nicht hinter Glas stünde. Aber so kann der Mann wenigstens einen Fernseher im Zimmer haben. Also fragt er ganz selbstverständlich: „Ralph, kannst Du mir bitte Alf einlegen, ich will DVDs anschauen.“ Dann setzt sich Dieter Reimers aufs Bett, guckt fern und wirkt dabei entspannt und zufrieden.
03.07.18
Neumarkt: Mehr Freiheit ermöglichen
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